Immer ist jetzt
Laudatio auf Anselm Glück
Von Norbert Wehr
Liebe Gäste, lieber Anselm,
Immer ist jetzt
Ich weiß zwar noch nicht, was ich gleich sagen werde, ich weiß aber, daß ich jetzt nicht mehr schweigen kann
Etwas ist da, ein Literaturhaus, ein Preisträger, ein Publikum, eine Erwartung
Ich werde mich, sozusagen aus dem Stand und aus mir heraus, kopfüber in es stürzen
Endlich
Es ist Zeit
Also:
Achtung, fertig, los
Immer ist jetzt
Liebe Gäste, lieber Anselm,
Ich weiß zwar noch nicht, was ich gleich sagen werde ... Ich weiß aber, daß ich befangen bin, ich kann es nicht verschweigen.
Während ich zu schreiben beginne, um das Geschriebene später, beziehungsweise jetzt, im Literaturhaus Stuttgart, vorzutragen, schaue ich auf eine schwarze Postkarte, die an der Wand hinter meinem Computerbildschirm hängt : „Immer ist jetzt“ steht darauf, mit weißer Schrift ... Links von mir, an der freien Wand meines Zimmers, sechs farbige Zeichnungen, hinter Glas – Köpfe, Körperteile, amorphe Gegenstände, darunter eine eigenwillige, hieroglyphische Zeichenschrift, halb kindliches Gekritzel ... Zwei weitere Zeichnungen : „Kopf hoch, Norbert“, „weiter so, Schreibheft“ ... Im Buchregal, rechts von mir, ein Schwarzweiß-Photo, aufgenommen mit einer Panoramakamera, Hockende vor Chlebnikovs Grab, unter den Hockenden der Preisträger und der Laudator, beide siebzehn Jahre jünger.
Liebe Gäste, ich bin befangen, weil ich Anselm Glück lange kenne, seit Anfang der achtziger Jahre, weil ich seine Bücher liebe, weil zahlreiche seiner Zeichnungen in meinem Arbeitszimmer hängen, weil ich ihn oft in meiner Zeitschrift publiziert habe, weil wir seinerzeit eine legendäre Reise gemacht, vor den Gräbern von Chlebnikov und Majakovskij gestanden haben ... und, ja, ich bin befangen, weil er mir sein letztes Buch, seinen Roman Die Maske hinter dem Gesicht, gewidmet hat.
Ich muß mich deshalb zurückhalten, keine Anekdoten zu erzählen, was ich gerne täte, von Begegnungen in Essen, an meinem Küchentisch, vom Besuch eines Daviscup-Endspiels in der Essener Grugahalle zum Beispiel, oder von Metro-Fahrten in Moskau, oder von der Hotel-Bar in Leningrad, am Tresen betrunkene Finnen, die halsbrecherisch auf ihren Hockern balancierten, und von den schönen Prostituierten, die uns, die Gäste, verführerisch umschwirrten ... ach, ich werde nie vergessen, mit welchem Gesichtsausdruck Anselm Glück da saß, in seiner grünen Lederjacke.
Zweitens
Der Magier, oder: / bzw. / aber: / etwa: / andererseits: / zum Beispiel : / weil:
Keine Anekdoten also.
Es geht ums Werk. Was schätze, was liebe, was bewundere ich an Anselm Glück? – Anselm Glück ist ein Magier der Sprache! Ja. Er ist ein Magier, weil er ein genialer Monteur, ein Bricoleur ist – ein Monteur von Fremdtexten, von Texten, Textbausteinen, Satzteilen aus verschiedensten Kontexten.
Das Ergebnis – das zustande kommt durch ein Zusammenspiel von Zufall, Wahrnehmung und Intention, durch das Umstellen von Satzfragmenten und Wörtern – das Ergebnis sind poetische Magnetfelder, brilliante Prosaminiaturen, eigenwillige Recycling-Produkte aus Fertigbausteinen der Sprache, aus Redewendungen, Gebrauchsanweisungen, Regelwerken, trivialer und hoher Literatur, Heftchenromanen und Novalis; Texte, in denen die Grenzen von Zitat und Nicht-Zitat aufgehoben sind, Texte in einem unverwechselbaren Tonfall, dem Anselm-Glück-Tonfall ... witzig, aberwitzig, doppelt-, ja dreifach-bödig, labyrinthisch, polyperspektivisch, changierend zwischen Skepsis, radikalem Zweifel und anarchischem Humor, gnadenlos in ihrer analytischen Präzision ... Texte, die von Träumen, Obsessionen und Phantasmen erzählen, vom Staunen über die Phänomene der Welt.
Drittens
Rastlose Lethargie
Für das Programmheft seines Stücks innerhalb des gefrierpunkts, das 2003 in Graz und Düsseldorf auf die Bühne kam, hat Anselm Glück eine – seltene – bio-bibliografische Selbstdarstellung geschrieben, die Auskunft gibt über einige Dinge, die ihm wichtig sind.
„Anselm Glück“ – heißt es da – „geb. 1950 in Linz. Volks- + Hauptschule, Drogistenlehre, Hilfsarbeiter. 1973 Heirat (Erika), 1974 Kind (Konrad). 1976 Matura am Abendgymnasium für Berufstätige. In Wien Studium (Sinologie + Völkerkunde) nach einem Jahr abgebrochen. Zeichne, schreibe + male. Handlangerjobs (u. a. auf der Trabrennbahn). 1986 Scheidung. 2 Theaterstücke in Graz und Stuttgart aufgeführt. 1994 Warmwasser in der Wohnung, Dusche + Bett gekauft. 1996 Atelier mit Heizung. 2000 Fernseher gekauft. Meine Bilder bringen nach + nach ein schönes Leben.“
Es gibt vieles, was Anselm Glück in dieser notgedrungen kurzen biographischen Skizze nicht erwähnen kann, vielleicht nicht erwähnen will – und wenn ich es hier dennoch tue, dann deshalb, weil es wichtige Motive für sein Werk sind : etwa die schwierige Kindheit im berüchtigten Frankviertel in Linz, als Kind von minderjährigen Eltern, die bei seiner Geburt 15 und 16 Jahre alt waren, der (für vieles wichtige) mehrmonatige Aufenthalt in einem Kinderheim im belgischen Ostende, in das der zwölfjährige verhaltensauffällige Schüler geschickt worden war, später die Jahre, in denen er als Autostopper durch Europa unterwegs war, die vielen Jahre einer bohemienhaften Existenz, deren Mittelpunkt das legendäre Ottakringer „Belladonna“ war, eine Kneipe, in der sich die Zuhälter und Prostituierten, die Trinker, trafen – ein Ort, in dem er viele der Geschichten beobachtete, von denen er so wunderbar erzählen kann.
Etwas anderes fehlt ebenfalls in seiner Skizze, die für Theatergänger gemacht war : Es sind die zahlreichen Bücher, die er seit 1977 publiziert hat, die vielen Ausstellungen seiner Bilder.
Da es heute nicht um den Maler, nicht um den Stückeschreiber, sondern um den Schriftsteller und Erzähler geht, will ich einige der schönsten, einige der sprechendsten Titel seiner Bücher nachtragen : falschwissers totenreden(t), meine arme sind herz genug, die eingeborenen sind ausgestorben, ich muß immer daran denken, wir sind ein lebendes beispiel, melken bis blut kommt, mit der erde fliegen, ich kann mich nur an jetzt erinnern, rastlose lethargie, Die Maske hinter dem Gesicht.
„Rastlose Lethargie“ – der Titel seines vorletzen Buchs, er beschreibt übrigens ziemlich genau die Geistes-, die Seelen-Verfassung, in der Anselm Glück sich grundsätzlich befindet. „Ich bin“ – Glück über sich selbst – „ständig hysterisch aufgerieben, gleichzeitig denk ich mir: Hat eh keinen Sinn ... Alles wird doch absurder und absurder, paradoxer und paradoxer. Das ist meine Sicht, die ich aufs Leben habe.“
Viertens
Die Methode des Bricoleurs,
etwa:
Der dichter setzt den bleistift an, wie das schicksal den hobel, und lauscht. Das bild bewegt sich und der reihe nach treten worte auf. Der dichter führt sie seiner behandlung zu, verknüpft sie untereinander und lüftet dann nach und nach kein geheimnis.
Ich will Anselm Glücks Arbeitsweise, seine „Behandlung“, seine Satz- und Wort-Verknüpfungsmethode, an einem konkreten Beispiel veranschaulichen. Anfang der neunziger Jahre habe ich ihn zu einem Beitrag eingeladen, es war die 41. Ausgabe meiner Zeitschrift. Glück hatte die Idee, einen Text zu schreiben über die Lektüre der vorangegangenen Schreibheft-Ausgabe. Nein, kein Text über, sondern „Veränderungen“ an Schreibheft 40 vorzunehmen ... eine Ausgabe, in der u. a. Beiträge von Gunnar Ekelöf, Tor Age Bringsvaerd, Inger Christensen, Daniil Charms, Juri Mamleev und Vladimir Sorokin publiziert worden waren.
„Ich habe eine ungewöhnliche Arbeitsweise. Ich habe noch nie einen Entwurf gemacht. Eine Idee, ein Bild, eine Situation – das genügt.“ – So lautet ein Satz in einem Essay des norwegischen Schriftstellers Bringsvaerd in Schreibheft 40.
Was macht nun Anselm Glück in seiner Re-Vision des Textes daraus? – „(ich habe eine arbeitsweise. Das genügt. Eure worte sollen sich nach ihr richten.)“ – heißt es, in einer Sentenz, die als Motto steht über einem Text – einer Art Reduktionsstufe der überflogenen, gelesenen Beiträge –, der die Wirklichkeit der kompletten 40. Ausgabe zur Kenntlichkeit aufmischt.
Und am Ende, nach sieben Seiten, wieder Bringsvaerd: „In einer meiner Erzählungen sollte ich einen Jungen schildern, der in einem Garten mit Kirschbäumen spielte, ein Vogel zu sein. (...) Ich beschloß, ihn ein Vogel sein zu lassen. Schilderte, wie er hoch über dem Garten flog – zusammen mit anderen Vögeln. Denn eigentlich machte der Junge genau das!“
In Glücks Transformation heißt es abschließend folgendermaßen: „zum beispiel: in einem garten spielt ein vogel. er läuft herum und schildert seine situation. wir sehen ihn als oberfläche schweben.“
„Wir sehen ihn als oberfläche schweben“ – ein typisch Glück’scher Satz, rätselhaft, rätselhaft schön ...
Fünftens
Glück-Sätze, zum Beispiel:
blicke tragen bilder in augen
oder:
unsere blicke verzieren die ödnis
oder:
meine arme graben sich tief in die welt
oder:
meine arme sind herz genug
Sechstens
Paranoides Schauen, Der Schläfer erwacht
Anselm Glück ist Schriftsteller und Maler, Maler und Schriftsteller. „Ich bin froh darüber. Denn in Zeiten, wo das eine erschöpft ist, habe ich das andere Medium um so mehr zur Verfügung ... Gewisse Vorstellungen, die ich etwa beim Schreiben habe, finden sich auch in den Bildern wieder. Die Weltlauf- und Weltuntergangsgeschichten sind in beiden vorhanden.“
Hieronymus Boschs absurde Bilderwelt, sie steht am Anfang der Ahnengalerie des Malers Anselm Glück. Im zwanzigsten Jahrhundert ist es der Expressionismus, die Art Brut, Dubuffet, das Informel, Yves Tangy – und der Surrealismus, Dalis Begriff des paranoiden Schauens: „... daß man ein Bild auch umdrehen kann und es wird ein neues anderes Bild daraus, das hat mich immer fasziniert“ – Anselm Glück in einem Gespräch.
Auch der Schriftsteller ist stark vom Surrealismus beeinflußt. Ebenso von Samuel Beckett und vor allem der Wiener Gruppe. In Falschwissers totenreden(t), seinem zweiten Buch, zitiert er u.a. Konrad Bayer, Reinhard Priessnitz und Oswald Wiener, seine österreichischen Ahnen.
Doch eins seiner Lieblingsbücher, vielleicht der größte Einfluß, ist Schläfer erwacht, der 1945 erschienene Roman des amerikanischen Schriftstellers Kenneth Patchen. Indem er beschreibt, was er an Schläfer erwacht schätzt, formuliert Glück so etwas wie ein eigenes poetologisches Programm. O-Ton Glück: „... Ich hab von Patchen mehr oder weniger gelernt, Bruchstellen Bruchstellen sein zu lassen und nicht immer bis zum Schluß einen Erzählstrang durchzuverfolgen ... das, was Benn sagt, ’Epik ist Schiebung’, und grad Patchen war immer ganz starkes Beispiel dafür, nicht bis zum Schluß alles auszuquetschen und weiterzuverfolgen, sondern, wenn was anderes reinkommt, sofort was anderes zu übernehmen ...“
Siebtens
Die Dinge
Wie es erzählen? Wie das geschehen, wie den traum, wie die bilder und zustände durch meine sprache pressen, oder wie die worte in das geschehen treiben, damit sie die bilder auskleiden und anhaften und in einer bedeutung erstarren lassen, die der wirklichkeit entspricht? Wie überhaupt etwas sagen können? ... manchmal glaube ich zu wissen, wie ich die worte hinsetzen müsste, damit es mir gelänge, den dingen nahe zu kommen.
Achtens
Ein Roman, der keiner ist
Die Maske hinter dem Gesicht, sein letztes Buch und sein erster sogenannter Roman, er unterscheidet sich von den vorangegangenen Büchern dadurch, daß Anselm Glück ihm einen roten Faden implantiert hat. Es sind also keine Prosaminiaturen, keine Sentenzen, es ist eine – ich sage es mit allergrößter Vorsicht – Erzählung mit einer quasi Handlung. In deren Mittelpunkt steht Brandmeier, ein nur wenig erfolgreicher Schriftsteller, der im Winter 2004 für drei Monate nach Graz kommt und der in einem Heft notiert, was er während seines Aufenthalts sieht, denkt, fühlt. Der Text, der dabei entsteht, ist das Buch, das den Titel Die Maske hinter dem Gesicht trägt.
Brandmeier, der Ich-Erzähler, unverkennbar ein alter ego des Autors, ist umstellt von Gerda, seiner Geliebten, und deren Tochter, Kunststudentin und junge Gespielin, außerdem Hel, der untreuen Ehefrau eines Privatdetektivs, der hinter Brandmeier herspioniert ... Ihrer aller Wege kreuzen sich, gefährliche Affären, Beziehungsdramen bahnen sich an, und alle, Frauen wie Männer, verschwören sich gegen den Erzähler ...
Nein, das Spiel, das Glück, der geniale Verrätseler und Fallensteller, mit dieser Konstellation treibt, ist kein Roman, es ist vielmehr ein angetäuschter, ein Als-Ob-Roman, der alle herkömmlichen Methoden des Schreibens auf raffinierte Weise unterläuft – sprunghaft, kaleidoskopisch, respektlos, perfide, lustig, ernsthaft, philosophisch, selbstreflexiv ... ein Buch, das Parodie ist auf Liebesroman, Detektivroman, Künstlerroman, Entwicklungsroman ... Ein Maskenreigen, ein endloses Spiegelkabinett ...
Die Maske hinter dem Gesicht des Erzählers – sie ist das Gesicht Anselm Glücks, der sich mit verschiedensten Ich-Entwürfen, verschiedensten Personifikationen maskiert.
Neuntens
Das Sprücherl aufsagen
Anselm Glück muß man seine Texte sprechen, man muß ihn erzählen hören – und man muß ihn dabei sehen. Denn er liest seine Texte nicht ab, er trägt sie vor, auswendig, erzählt frei, und er unterstreicht seine Stimme mit Mimik und Gestik, ganz minimalistisch, aber zwingend, durch Drehen und Schrauben der Hände.
Aufschlußreich ist Glücks Erklärung für diese Art und Weise des Vortrags. Er war, wie schon erwähnt, als Zwölfjähriger in einem klösterlichen Kinderheim im belgischen Seebad Ostende. Eine schöne Zeit – vielleicht die schönste seiner Kindheit. Er ist derjenige, der, wenn die Oberschwester den Schlaafsaal betritt, stellvertretend für alle die Begrüßungsformel aufsagen muß. Oder der, der bei festlichen Anlässen als Redner eingesetzt wird, auswendig gelernte „Verwaltungs- und Hochlobungstexte“ vorträgt. Glück: „Heute, wenn ich mich bei meinen Ausstellungen vor meine Bilder stelle und jeweils einen Aphorismus vor einer Zeichnung vortrage, fällt mir das immer wieder ein. Da stelle ich mich eigentlich genauso vor dem Publikum auf, fast die Hände an der Naht, und sage mein Sprücherl auf.“
Zehntens
Die Attraktion in Literaturhäusern
Ich verspreche Ihnen, um einen der unvergleichlichen Sätze Anselm Glücks zu paraphrasieren: Glück verschönert nicht nur das Betrachten, sondern auch das Zuhören. Glück ist ein Augen- und ein Hörereignis!
Wenn einer den Preis der Literaturhäuser verdient hat, ein Preis, der für eine besonders überzeugende Performance vergeben wird, dann ist es Anselm Glück. Ich beglückwünsche ihn sehr herzlich dazu!
Schätzen Sie sich glücklich, daß Sie ihn heute leibhaftig erleben können, denn er hat sich jahrelang ziemlich rar gemacht. Deshalb trifft es nicht zu, was Brandmeier in Die Maske hinter dem Gesicht schreibt, daß er nämlich als Attraktion in Literaturhäusern auftrete ... Richtig ist allerdings – nein, auch das nicht: „Die Leute lachen sich Äste und laden mich hinterher zum Essen ein. Alles liebenswerte Kreaturen. In Gottes freier Natur“
Aber sehen und hören Sie jetzt selbst ...
Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung dabei.
Stuttgart, 15. April 2008