Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Melancholische Langeweile
Der Linguist Roman Jakobson erinnert sich an die Futuristen
Von Norbert Wehr

Am 24. November 1911 wurde in Moskau unter großer Anteilnahme zahlreicher Studenten der Künstler Valentin Serov zu Grabe getragen. Einer seiner begabtesten Schüler, der achtzehnjährige Vladimir Majakovskij, hielt an seinem Sarg eine bewegende, sprachgewaltige Trauerrede. Feierlich und mit großem Pathos gelobte er, die junge Generation werde fortführen, was der früh verstorbene Serov begonnen hatte.
    Wenig später schon, am 4. Februar 1912, kam es für Majakovskij zu einer folgenreichen Begegnung: Nach einer Aufführung von Rachmaninovs sinfonischer Dichtung Die Toteninsel, die in Moskaus Adelsversammlung stattfand, hatte er ein langes Gespräch mit David Burljuk. Burljuk, elf Jahre älter als er und ebenfalls Student an der Moskauer Lehranstalt für Malerei, Bildhauerei und Baukunst, war der organisatorische Kopf einer Maler- und Dichter-Gruppe. Dieser Gruppe gehörten u.a. Velimir Chlebnikov und Aleksej Krucënych an, zwei Dichter, die mit einer sinnüberschreitenden, rein phonetischen Sprache, dem sogenannten zaum experimentierten. Dank Burljuk, schrieb Majakovskij rückblickend in seiner Autobiographie, wurde er an diesem Abend zum Futuristen, genauer: zum Kubo-Futuristen.
    Zeuge beider Ereignisse war ein junger Gymnasiast. Majakovskijs Trauer-Rede hatte großen Eindruck auf ihn gemacht, und er war hingerissen vom „Ausdruck unverhohlener melancholischer Langeweile“, die er während des Rachmaninov-Konzerts in Majakovskijs Gesichtszügen beobachtet zu haben glaubte. Der frühreife Gymnasiast, er war fünfzehn Jahre alt und er wußte bereits, daß er Sprachwissenschaftler werden wollte ...
    Majakovskijs Rede, und dessen Begegnung mit Burljuk – davon erzählt er 1977, also 65 Jahre später, mit leidenschaftlicher Begeisterung dem schwedischen Slavisten Bengt Jangfeldt. Er, der frühreife Gymnasiast, ist kein Geringerer als der berühmte Roman Jakobson, er lebt mittlerweile, nach einer beispiellosen Wissenschaftler-Karriere, als emeritierter Professor in Cambridge / Massachusetts.
    Er erzählt seinem Gast, der ein Tonband mitgebracht hat, in sehr persönlichen, privaten Erinnerungen von „seinen“ futuristischen Jahren: erzählt vom Einfluß der Einsteinschen Relativitätstheorie, vom wankenden Zarenreich, der gärenden, rebellischen Aufbruchstimmung in den Künsten, der Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack, den zahlreichen Künstler-Freundschaften, Marinettis umstrittenem Besuch in Rußland, Lenins Ankunft in St. Petersburg, der Revolution der Bolševiki...
    Er kannte damals, in den zehner und zwanziger Jahren, alle avancierten Künstler und Schriftsteller, mit vielen war er eng befreundet. Er war selbst einer der Protagonisten dieser aufregenden Epoche, war einer ihrer theoretischen Köpfe. Mit seinen Arbeiten über die phonologischen Grundlagen der Sprache, die von Chlebnikovs und Krucënychs zaum-Experimenten inspiriert waren, trug er wesentlich zur Schule des russischen Formalismus bei, die zur Vorläuferin von Phonologie, Semiotik und Strukturalismus wurde.
    Chlebnikov und Majakovskij, sie waren für ihn die bedeutendsten Dichter, Chlebnikov gar der „größte des Jahrhunderts“. „Mich ergriff – erinnert er sich – eine unwahrscheinliche und ständig wachsende Begeisterung für ihn. Es war einer der heftigsten Eindrücke, die ich in meinem Leben von einem Menschen hatte, eine Empfindung jäh erfaßter Genialität.“ – Sonderlich war er allerdings, auch daran erinnert sich Jakobson, ein scheuer, schweigsamer Mensch, ein schwieriger Freund. Ein Nomade, der für immer verschwand, als sie gemeinsam an einer Auswahl seiner Werke arbeiteten.
    Anders Majakovskij. Ihn kannte Jakobson besser und intimer. Er, der Seelenverwandte, steht deshalb auch im Zentrum seiner Erinnerungen, die nicht zufällig mit der zukunftsweisenden Rede am Sarg Serovs einsetzen und mit Majakovskijs Selbstmord im April 1930 enden. Ein sympathetisches, dabei nie unkritisches Bild des Freundes ist es, das Jakobson aus vielen kleinen, mit zahlreichen unbekannten Details gespickten Splittern zusammensetzt.
    Dessen Verhältnis zur Wirklichkeit, erinnert sich Jakobson etwa, sei „unglaublich naiv“ gewesen; er selbst ein schrecklicher Romantiker, ein sentimentaler, zutiefst unglücklicher Mensch. Und als er sich zum Selbstmord entschlossen habe, stand er „vor unlösbaren Aufgaben. Was er in seinem Abschiedsbrief schrieb – ‚Ich habe keinen Ausweg‘–, das entsprach der Wahrheit. Er wäre so oder so zugrunde gegangen, was auch immer geschehen, wo auch immer er gewesen wäre, in Rußland, in Schweden oder in Amerika. Dieser Mensch war absolut lebensuntauglich.“
    Der Aufbruch einer Generation, der an Serovs Sarg begonnen hatte, endete spätestens an Majakovskijs Totenbett. Sein Selbstmord war die große Zäsur, er war der endgültige Tod der futuristischen Avantgarde in Rußland. Dieser Avantgarde, einer faszinierenden Epoche und einem großen, widersprüchlichen Dichter hat Roman Jakobson mit seinen Erinnerungen ein anrührendes, allen Hagiographien widersprechendes Denkmal gesetzt.