Der Ton bewegten Wassers
James Hamilton-Paterson erfindet eine Reise Edward Elgars
Von Norbert Wehr
Als vor einhundert Jahren, am 3. Oktober 1900, Edward
Elgars Oratorium The Dream of Gerontius beim Birmingham
Festival uraufgeführt werden sollte, da waren eigentlich alle Voraussetzungen
für einen Erfolg erfüllt: Elgar hatte 1899 mit seinen Enigma
Variations den Durchbruch geschafft; Marie Brema, Edward Lloyd und
Harry Plunkert Greene waren hervorragende Sänger; und mit Hans Richter
sollte einer der besten zeitgenössischen Dirigenten am Pult stehen.
Doch die Aufführung geriet zur Katastrophe: Das
Notenmaterial kam viel zu spät, war außerdem fehlerhaft, und
Musiker sowie Chor-Sänger waren den technischen Anforderungen nicht
gewachsen. Richter, der erfahrene Wagner-Dirigent, hatte die Schwierigkeiten
der Partitur unterschätzt. Sogar Elgar, der in letzter Minute zu
den chaotischen Proben hinzugezogen wurde, konnte die Aufführung
nicht mehr retten.
Es dauerte danach noch mehr als ein Jahr, bis das Werk
adäquat interpretiert werden konnte. Am 19. Dezember 1901 wurde es
bei den Düsseldorfer Rhein-Festspielen aufgeführt, diesmal unter
dem Dirigat Julius Buths. Der Erfolg seiner Aufführung war
groß, und Elgar genoß die Ehrungen zahlreicher Musiker, allen
voran die Anerkennung Richard Strauss, der ihn als neuen Vorwärtsmann
der britischen Musik begrüßte.
Dessen Tod und Verklärung, aber auch Liszts
Legende von der Heiligen Elisabeth und besonders Wagners Parsifal,
sie waren die musikalischen Vorbilder für The Dream of Gerontius,
ein zweiteiliges Oratorium für Mezzo-Sopran, Tenor, Bass, Chor und
Orchester ein zu seiner Zeit unerhörtes Oratorium,
weil es sich von den Konventionen des Genres freigemacht hatte und sich
der modernsten Mittel des Musiktheaters bediente, vor allem der Leitmotivtechnik
und der Orchesterbehandlung nach dem Vorbild Wagners.
Grundlage für das Libretto war Cardinal Newmans
gleichnamiges Gedicht, das Elgar für seine Zwecke bearbeitet hatte.
Der erste Teil seines Librettos erzählt vom Todeskampf des Gerontius:
Der Sterbende fühlt den Tod (den ewigen Schlaf) nahen, und er bittet
um die Gebete seiner Freunde. Im zweiten Teil (dem Traum des Schläfers)
lernt seine Seele ihren Schutzengel kennen, der mit ihr, begleitet von
unterschiedlichen Chören, durch verschiedene Jenseits-Sphären
reist, bis sie nach einem Richterspruch Gottes ins Fegefeuer gelangt ...
Genau einhundert Jahre nach der mißglückten
Uraufführung in Birmingham erscheint jetzt in Deutschland ein Roman,
der den Titel des Oratoriums trägt: Der Traum des Gerontius.
Sein Autor ist James Hamilton-Paterson, der bei uns mit seinen Büchern
über das Meer bekannt geworden ist. Hamilton-Paterson erzählt
in Gerontius, seinem ersten, in England 1989 erschienenen Roman,
von einer Episode im Leben Elgars, einer Kreuzfahrt, die er Ende des
Jahres 1923 unternahm und die ihn nach Brasilien führte, den Amazonas
hinauf bis nach Manaos, den Sitz des legendären Opernhauses.
Was Elgar auf dieser sechswöchigen Kreuzfahrt
erlebte, ob und was er möglicherweise komponierte darüber
ist nichts bekannt. Es gibt keine Tagebücher oder Briefe, keine Erinnerungen,
weder von Mitgliedern des Bordpersonals noch von Mitreisenden. Diese Reise,
sie ist eine Leerstelle, ein blinder Fleck in der Biographie Elgars
der ideale Ansatzpunkt also für die schöpferische Phantasie
eines seelenverwandten Schriftstellers.
Als Elgar diese Reise antrat, war er 66 Jahre alt.
Vor dem Krieg hatte er seine Glanzzeit gehabt, er war der berühmteste
britische Komponist gewesen, Verfasser u.a. der Enigma Variations,
der Sea Pictures, des Dream of Gerontius, der Pomp and
Circumstances Marches, einer (unvollendeten) Oratorien-Trilogie
und zweier Sinfonien. 1904 war er von König Edward VII. in den Adelsstand
erhoben worden, von Georg V. hatte er 1911 den Order of Merit erhalten.
Der erste Weltkrieg hatte das alte Europa zum Einsturz
gebracht. Auch für Elgar war er eine tiefgreifende und schmerzliche
Zäsur gewesen: seit seinem 1919 entstandenen Konzert für Cello
und Orchester in e-Moll hatte er kein bedeutendes Werk mehr komponiert;
1920 war seine Frau Alice gestorben, die Managerin seines Erfolgs; in
seiner Heimat wurden mittlerweile avanciertere Komponisten gespielt, und
auf dem Festland wurde er als Repräsentant einer feindlichen Kultur
ignoriert.
Sir Edward Elgar OM, er war im November 1923 ein ausgebrannter
Künstler: seine Frau war tot, viele Freunde waren tot und
seine Musik war ebenfalls tot. Elgar war Gerontius, ein alter Mann, der
den Tod nahen fühlte. - In dieser Verfassung befand er sich, als
er sich in Liverpool zur Reise nach Brasilien einschiffte, vielleicht
in der trügerischen Hoffnung, seine verlorene Inspiration wiederzufinden,
vielleicht auch nur, um sich, seine Vergangenheit und seine Musik hinter
sich zu lassen, auf einer Reise in eine exotische Welt, in ein erträumtes
Jenseits, ähnlich der Seele des Gerontius.
An diesem Punkt in Elgars Biographie setzt nun Hamilton-Patersons
Erfindung ein. Sein Roman besteht wie Elgars Oratorium aus zwei Teilen:
der Hinreise und dem Aufenthalt in Manaos. Er ist weniger faktenversessen,
vielmehr mit Elgars Musik im Ohr geschrieben. Er ist im besten Sinne Wort-Musik,
eine Art Partitur, die mit verschiedenen, immer wieder aufgegriffenen
Motiven den enigmatischen Charakter Elgars variiert, eines hoch-sensiblen,
schwierigen, im Alter arroganten, desillusionierten, melancholischen,
depressiven, aber auch selbstmitleidigen Künstlers.
Hamilton-Patersons Roman beginnt mit einem Traum, einem
Wunsch-Traum. Sein Elgar träumt ihn, wie eine Art Leitmotiv, während
der Ouvertüre, d.h. während der Zugfahrt nach Liverpool: Es
ist seine surrealistisch anmutende Version der Geschichte des Mönchsasketen
Symeon Stylites des Älteren, der 30 Jahre seines Lebens stehend auf
einer 18 Meter hohen Steinsäule verbrachte. (So darf man diesen
Traum interpretieren so stellt sich Elgar nämlich seine Künstler-Existenz
vor: nah seiner Musik (seinem Gott), und in ausreichend großer Distanz,
dennoch geliebt und umjubelt von wallfahrenden Pilgern, die er zum rechten
Glauben, d.h. zum richtigen Musik-Geschmack bekehren kann ...)
Angekommen in Liverpool, läßt Hamilton-Paterson
Elgar an Bord der Hildebrand gehen. Dieses Schiff ist, wie sich
herausstellen wird, die ideale Kulisse für seinen Roman: als schwimmende
Insel ist es ein gesellschaftlicher Mikrokosmos, ein miniaturisiertes
England; zum anderen eine Art stählerner Konzertsaal, in dem der
Chor der Reisenden zusammen mit den Geräuschen des Winds, des Wassers
und der Maschinen eine elegische Musik intoniert.
Kaum in seiner Kabine eingerichtet, kommen Elgar bereits
Zweifel, ob es gut war, diese Reise überhaupt gebucht zu haben. Brasilien?
Der Amazonas? Ein Opernhaus? Eine verrückte Laune, eine Vergnügungsreise
machen zu wollen, in ein Land, das er nicht kennt, mit einer Kapelle an
Bord, die Unterhaltungs-musik spielt! Was er nicht wissen kann, allenfalls
ahnt: Es wird eine Reise in die Vergangenheit werden, eine Reise in sein
persönliches Fegefeuer.
So sitzt er also in seiner Kabine. Lustlos beschäftigt
er sich, liest, führt ein Tagebuch und versucht vergeblich, die Geräusche
des Schiffs in eine Musik zu transkribieren. Interesse hat er nur an seinem
mitgebrachten Mikroskop, mit dem er die Lebewesen in den Wassertropfen
des Ozeans beobachtet.
Ebenfalls eher lustlos lernt er einige Mitreisende
kennen: Molly Air, eine Künstlerin, die während des Kriegs als
Krankenschwester in Frankreich war, und die nach Brasilien auswandert,
weil sie die tropischen Landschaften am Amazonas malen will; Fortescue,
der bei der Luftwaffe gedient hat, und der zwei auseinandergebaute Flugzeuge
im Gepäck hat, mit denen er im Auftrag der brasilianischen Regierung
Luftbildvermessungen durchführen soll; schließlich Dr. Ashe,
ein ehemaliger Truppenarzt, Spezialist für Fließband-Amputationen,
der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde und jetzt die Passagiere
des Kreuzfahrtschiffs mit seinem zynischen Kasernenhof-Humor traktiert.
Das also ist der Chor, von dem er auf seiner Reise
begleitet wird: Molly Air, Fortescue, Dr. Ashe ein Chor von Kriegs-Opfern.
Und Elgar ihn verfolgen außerdem die Gespenster seiner privaten
Vergangenheit, des Kriegs, den er mit sich selbst geführt hatte:
in der Schiffsbibliothek stöbert er ausgerechnet einen Roman seiner
verstorbenen Frau auf; und während einer Meeresstille
drängt sich ihm apropos Mendelssohn-Bartoldy die Erinnerung
an seine erste Liebe auf, eine deutsche Pianistin namens Lena, die er
1883 kennengelernt hatte, in seinen Jugendjahren, seinen wichtigsten,
seinen inspiriertesten Jahren.
Daß diese Frau, die ihn seinerzeit verlassen
hatte, später einen Kaufmann heiratete und Europa mit unbekanntem
Ziel verließ, daß diese Frau ausgerechnet in Manaos lebt,
das weiß er nicht, aber es ist fast zwangsläufig, daß
er sie dort treffen muß, am Ziel seiner Reise, im Herz der brasilianischen
Finsternis ...
Bevor er ihr dort begegnet, muß das Schiff aber
noch den Amazonas hinauffahren für Hamilton-Paterson
eine wunderbare Gelegenheit, sein fulminantes Beschreibungs-Orchester
anzustimmen. Überwältigend sinnliche Passagen sind es, die ihm
da gelingen, nur Gerard Manley Hopkins, der englische Dichter und Priester,
fällt einem ein zum Vergleich.
Mit diesen unvergleichlichen Naturbeschreibungen, insbesondere
von Himmeln und Wolken, intoniert er den zweiten Teil, den mehrtägigen
Aufenthalt in Manaos. Er beginnt mit einem Paukenschlag: Elgar erhält
kurz nach seiner Ankunft einen Brief. Er stammt von Magdalena von Pussels,
der Leiterin des Schiller-Instituts am Ort, eben jener Lena, seiner Jugendliebe.
Sie hatte in der Passagierliste der Hildebrand seinen Namen entdeckt.
Seit dreißig Jahren lebt sie in Manaos, ihr Sohn ist im Krieg gefallen,
ihr Mann, ein reicher Kautschukbaron, ist seit kurzem tot. Obwohl sie
es war, die Elgar damals verlassen hatte, hat sie in all den Jahren seine
Entwicklung verfolgt. Ihr Institut besitzt eine große Bibliothek,
in der sie Elgariana sammelt.
Und hier, in dieser Bibliothek, sitzen sie dann, die
Deutsche und der Engländer, umgeben von Bösendorfer-Klavieren,
Schiller- und Beethoven-Büsten, und versuchen, ihr Leben Revue passieren
zu lassen. Für ihn ein böser Traum: Er hatte seiner Vergangenheit
entfliehen wollen, und hatte dennoch etwas gesucht und nun findet
er es hier: seine Jugendliebe, und sein ganzes Werk, archiviert in einer
Bibliothek.
Es wird eine Abrechnung mit dem Zeitalter, mit den
Verlusten des Krieges. Die Bilanz, die beide ziehen, ist deprimierend.
Für ihn ist es die endgültige Desillusionierung. Vor allem deshalb,
weil es auch eine persönliche Abrechnung ist, eine Abrechnung über
verpaßte Chancen, über ein der Karriere geschuldetes, in Konventionen
erstarrtes Leben.
Doch ihre Kritik an seinem arroganten und selbstmitleidigen
Narzismus erreicht ihn nicht mehr. Er reist später ab, ohne zu wissen,
was ihm in Manaos eigentlich widerfahren ist. Er war dort von etwas überrascht,
war von etwas irritiert worden. Doch von was? Und war nicht alles nur
ein Traum gewesen? Anders als Gerontius, kehrt er nicht erlöst von
seiner Reise zurück.
Hamilton-Patersons Roman klingt am Ende so leise aus
wie Elgars Oratorium: Elgar kommt am letzten Tag des Jahres 1923 in Liverpool
an. Zehn Jahre hat er danach noch zu leben. Er wird in diesen Jahren nichts
wesentliches mehr komponieren. Dafür dirigiert er zahlreiche seiner
Werke, fast alle spielt er auf Schallplatten ein.
Es empfiehlt sich, Hamilton-Patersons elegischen Roman
über den Tod eines Künstlers zu lesen, während im Hintergrund
Der Traum des Gerontius, die Enigma-Variationen und die
Sea Pictures zu hören sind. So kann man sich eine gute Vorstellung
davon machen, wie kongenial es ihm gelungen ist, ein erzählerisches
Äquivalent für Elgars Musik zu finden.
Daß er, nach Melville und Conrad, der größte
Erzähler über das Meer ist, braucht nicht mehr eigens erwähnt
werden ... Apropos Melville. Er fällt einem merkwürdigerweise
immer wieder ein, wenn man Elgars Geschichte liest. Und natürlich
Benjamin Britten: sein War Requiem, sein Death in Venice,
sein Billy Budd, nicht zuletzt seine Interpretation des Dream
of Gerontius.
Aber Britten, das ist eine andere Geschichte. Doch
wenn es jemanden gibt, der sie erzählen könnte, dann James Hamilton-Paterson.
Sie könnte damit beginnen, daß am Todestag Elgars, abends,
im Radio, ein Stück für gemischten A-Cappella-Chor und Knabenstimmen
des 20jährigen Benjamin Britten uraufgeführt wurde ...