Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Die Psychose des Statistikers
Juan Filloys Roman Op Oloop
Von Norbert Wehr

Als Juan Filloy am 1. August 1994 im argentinischen Córdoba seinen einhundertsten Geburtstag feierte, erfreute er sich bester Gesundheit. Er nutzte die Gelegenheit, seinem Herz und dem ganzen Gefäßsystem für "edles und immer treues Betragen" zu danken; Lunge, Leber und den übrigen Eingeweiden, nie von ihnen behelligt worden zu sein; außerdem allen Neuronen, "die mein Haupt beherbergt, daß sie mir niemals die geringsten Kopfschmerzen bereitet haben".
   Er träumte davon, wenn möglich noch das Jahr 2000 zu erleben. "Ich möchte", ließ er die versammelten Geburtstagsgäste wissen, "ein Schriftsteller dreier Jahrhunderte sein. Im 19. Jahrhundert habe ich meine ersten Schritte getan und bin dann durch das ganze 20. Jahrhundert gelaufen. Jetzt habe ich vor, bis ins 21. Jahrhundert zu robben." - Filloy starb am 15. Juli 2000, kurz vor seinem einhundertundsechsten Geburtstag.
   Als viertes von fünf Kindern war er 1894 in Córdoba geboren worden. Die Eltern - Einwanderer aus Spanien (der Vater) und Frankreich (die Mutter) - betrieben am Stadtrand einen kleinen Gemischtwarenladen. Nach der Schule studierte Filloy Jura und arbeitete in Río Cuarto, einem Provinznest, bis zur Pensionierung als Anwalt und Richter. Er schrieb 40 Bücher, darunter 11 Romane; ferner 14.000 Palindrome.
   Er blieb lange Zeit ein Unbekannter, auch im eigenen Land. Denn der stolze, arrogante Einzelgänger weigerte sich beharrlich, am hauptstädtischen Literaturbetrieb teilzunehmen. Einige Bücher publizierte er in kleinen Verlagen, die meisten erschienen als Privatdrucke. Wegen der Originalität seiner Bücher wurde er vor allem von Schriftsteller-Kollegen geschätzt. Für Alfonso Reyes war er der "Vater einer neuen amerikanischen Literatur", der wahre Begründer des "magischen Realismus". Auch Borges, Casares und Cortázar zählten zu seinen Verehrern. Cortázar erwies ihm z.B. in Rayuela. Himmel und Hölle seine Referenz.
   Wie vor Jahren der mysteriöse Vizconde de Lascano Tegui, ist Juan Filloy, der nicht weniger rätselhafte, jetzt auch in Deutschland entdeckt worden. Der engagierte, neugierige Tropen-Verlag hat Op Oloop herausgebracht, seinen bekanntesten Roman aus dem Jahr 1934. Filloy erzählt darin die letzten zwanzig Stunden im Leben des Optimus Oloop, eines nach Argentinien emigrierten, in Buenos Aires lebenden Finnen.
   Dieser Optimus Oloop ("80% Filloy") ist 39 Jahre alt, eine Hüne von Mann und regelmäßiger Bordellgänger. Von Beruf ist er Statistiker - ein Beruf, der in Wahrheit Berufung ist. Denn Op Oloop ist ein Zwangscharakter, wie er im Buche steht, sozusagen die Methode in Person, die "perfekteste menschliche Maschine, die vortrefflichste Schöpfung der Selbstdisziplin".
   22. April 1934, zehn Uhr: Oloop, der an diesem Sonntagmorgen bereits drei Stunden damit beschäftigt ist, einige Freunde per Brief zu einem Abendessen einzuladen, stellt entgeistert fest, daß er es noch nicht geschafft hat, Name und Adresse ausgerechnet seines besten Freundes auf den Briefumschlag zu schreiben. Es gelingt ihm gerade noch, zum S von Señor anzusetzen - dann reißt ihm eine unwiderstehliche Kraft den Stift aus der Hand .... Seine vorgeschriebene Schreibzeit ("Sonntag: von sieben bis zehn") ist abgelaufen.
   Dieses nicht pünktlich und vollständig beendete Pensum, bzw. die Irritation darüber, steht am Anfang einer Kette von Zwischenfällen, die ihn im Laufe des Tages zunehmend verstören, am Ende sogar in Panik versetzen: erst kommt es zu einer Rempelei in einem türkischen Bad, dann wird er Zeuge eines Verkehrsunfalls, veranlaßt daraufhin ein Taxi, immerzu im Kreis zu fahren, kommt zu spät zur eigenen Verlobungsfeier und wird schließlich vom Onkel seiner Verlobten, dem finnischen Konsul, niedergeschlagen. Zwangsweise von seiner Verlobten getrennt, beginnt er im Liebeswahn zu delirieren.
   Das Abendessen mit den Freunden, zu dem er weniger aus Anlaß seiner Verlobung, vielmehr wegen seines 999sten Bordellbesuches eingeladen hat, steht deshalb unter einem schlechten Stern. Es kommt unter den Freunden zu erregten Diskussionen, u.a. über die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Revolution in Rußland. Beschlossen wird das Essen allerdings versöhnlich - mit einem Lob der Prostitution! Als Oloop danach in der 1000sten Hure die Tochter einer ehemaligen Freundin erkennt, wird er verrückt - und bringt sich am frühen Morgen durch einen Sprung aus dem Fenster seiner Wohnung um.
   "Die Geschwindigkeit riß seine Gliedmaßen auseinander", heißt es am Schluß. "Sein Körper lag auf dem Pflaster (...). Den Schädel an der Bordsteinkante zerschmettert, zerfloß die Gehirnmasse. Sein verrenkter rechter Arm präsentierte die Hand auf einem Häuflein Hundedreck. Die Armbanduhr schien unbeschadet. Doch die Uhr - sein Leben - und sein Leben - ganz Uhr - hatten um 5.49 Uhr aufgehört zu schlagen."
   Höhepunkt des skurrilen Romans ist Oloops Monolog während des abendlichen Banketts. In diesem Monolog öffnen sich all seine Schleusen, erzählt er die Geschichte seiner Leidenschaft für die Statistik: Sympathisant der Bolschewiki, war er 1919 vom Krieg der Weißen aus Finnland vertrieben worden. Im französischen Exil bekam er eine Stelle als Leiter des Archivs im "American Graves Registration Service". Er stieg dadurch zum Herrn über achtzigtausend tote Soldaten auf. "Ich brachte sie in Formation, ließ sie antreten, in reglosen Bataillonen (...). Jede Karteikarte war ein Sieg über das haltlose Vergessen der Menschen."
   In Argentinien warteten dann andere - lebendigere - Bataillone, die registriert und katalogisiert werden wollten. Wie Leporello listete er über Jahre pedantisch alle 999 besuchten Huren auf, verglich genauestens ihre Körper und erotischen Qualitäten. "So hat sich", verrät er seinen Freunden, "meine erotische Genauigkeit in bedrückendes mathematisches Streben verwandelt. Ich habe die Frauen besessen, um ihre Karteikarten zu besitzen. Der ‚Besitz' hat sich vom Fleisch in die Statistik verlagert."
   Aus Angst, wegen Pornographie und Sittenwidrigkeit belangt zu werden, ließ Juan Filloy übrigens auch Op Oloop als private Edition drucken. Ein Exemplar des Romans schickte er nach Wien, adressiert an Sigmund Freud. Der war beeindruckt von Filloys Kenntnissen über den psychotischen Niedergang seines Protagonisten. "Ich habe Ihr Buch mit großem Vergnügen gelesen", antwortete er auf einem Rezeptblock, "und möchte Ihnen meine Anerkennung für die behandelte Thematik aussprechen. Grüße, Glückwünsche ..."
   Glückwünsche, denen der Rezensent sich 68 Jahre später anschließt - verbunden mit der Hoffnung, in Zukunft mehr von Filloy lesen zu können. Am liebsten wieder bei Tropen. Und wieder übersetzt von Silke Kleemann.