Mit Pukin in Sibirien
Laudatio auf Peter Urban
Von Norbert Wehr
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Peter Urban!
Am 10. Mai 1886 schreibt Anton Cechov seinem älteren
Bruder, dem Schriftsteller und Journalisten Aleksandr Cechov, einen Brief,
in dem er dessen Plan zu einer Novelle mit dem Thema Stadt der Zukunft
kommentiert.
Diese Erzählung, mahnt Cechov, werde nur unter
folgenden Bedingungen zu einem Kunstwerk: 1) Abwesenheit langgezogener
Wortergüsse politisch-sozialökonomischen Charakters; 2) absolute
Objektivität; 3) Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden
Personen und Gegenstände; 4) äußerste Kürze; 5) Kühnheit
und Originalität; meide das Klischee; 6) Herzlichkeit.
Außerdem rät er dem Bruder: Naturbeschreibungen
hätten kurz zu sein, und er solle sich an Einzelheiten halten. In
der Sphäre der Psychik, wie er sich ausdrückt, ebenfalls
nur Einzelheiten. Und bewahre dich Gott warnt er fast beschwörend
bewahre dich Gott vor Gemeinplätzen ...
Sehr geehrte Damen und Herren, mit diesem Zitat könnte
eine Laudatio zum Lobe Peter Urbans beginnen ... Der Laudator könnte
also von Anton Cechov sprechen ... ! Er könnte beispielsweise erklären,
daß dieser Brief in knapper, präziser Form Cechovs erzählerisches
Programm enthält. Und er könnte behaupten, daß Peter Urbans
übersetzerisches, editorisches und essayistisches Werk aus diesem
Brief quasi hervorgehe.
Der Laudator, er könnte anschließend einen
Überblick über dieses in den letzten 35 Jahren entstandene Werk
geben; er könnte mehrere umfängliche Editionen erwähnen,
könnte auf ca. 70 übersetzte Bücher hinweisen, Bücher
von Klassikern und Zeitgenossen, von Russen vor allem, aber auch von Cechen,
Slovenen und Serben.
Er könnte einige Autoren nennen, Babel etwa, und
Brodskij, Charms, natürlich Cechov, oder Chlebnikov, Crnjanski, Dobycin,
Gogol, Goncarov, Gorkij, Kazakov, Ki, Kropotkin, Mandelstam, Prigov,
Pukin, Sorokin und Turgenev, er könnte Vaginov, Vvedenskij
oder Weiner nennen ...
Er könnte, nein: sollte über einige übersetzerische
und editorische Großtaten sprechen: über die gesamte erzählende
Prosa von Pukin, über Cechovs sämtliche Stücke, über
die fünfbändige Ausgabe seiner Briefe, über etliche Erzählungen
und Romane, über die kongeniale Chlebnikov-Ausgabe, die beiden der
Gruppe Oberiu gewidmeten Dossiers, die ganze bekannte Prosa von Charms,
die Tagebücher von Babel, die neue und erstmals vollständige
Übersetzung der Reiterarmee, schließlich über die
Wiederentdeckung Leonid Dobycins.
Der Laudator sollte zu entfalten versuchen, wie in
diesem literarischen Kosmos einem Kosmos erzählerischer Minimalisten
alles aus dem Cechov-Brief hervorgeht und wie alles mit allem,
wie in einem kommunizierenden Röhrensystem, in wunderbarer Weise
zusammenhängt, Cechov mit Pukin, Babel mit Cechov, Charms mit
Chlebnikov undsoweiter undsoweiter ...
Der Laudator hätte nun ins Detail zu gehen, er
hätte an ausgewählten Beispielen zu demonstrieren, worin die
besondere Leistung des Aufklärers und Vermittlers, des Philologen,
Sprachwissenschaftlers und Übersetzers Peter Urban besteht. Er müßte
über sein Wissen in unterschiedlichsten Gebieten, in Literatur, russischer
Geschichte und Volkskunde sprechen, müßte die Kompetenz seiner
Vor- und Nachworte, den Reichtum seiner Anmerkungs-Apparate loben, die
spannenden Geschichten, die sie enthalten, und die weiten Horizonte, die
sie eröffnen, müßte sein leidenschaftliches Engagement
für die Wiederherstellung verfälschter, zensurierter Werke hervorheben,
seine detektivische Obsession, Daten und Fakten zusammenzutragen, um die
Biographien z.B. von Babel, Charms und Dobycin zu rekonstruieren sowie
seine Begabung, diese Fakten in Chroniken wie Krimis inszenieren zu können,
müßte seine Fähigkeit zum genauen Blick, zur eigenwilligen
Re-Lektüre bekannter Werke herausstellen, müßte seine
Geistesgegenwart bewundern, verblüffenden Koinzidenzen auf die Spur
zu kommen (in der Reiterarmee beispielsweise, wo er Echos auf Malevic
und Chlebnikov entdeckt), weiter seine Risikobereitschaft, sich übersetzerisch
am Schwierigsten zu versuchen, sein absolutes Gehör, seine elastische,
verwandlungsfähige Sprache, seine Souveränität, wie bei
Chlebnikov etwa, einem polyphonen Übersetzer-Chor das Wort zu erteilen,
schließlich seine entschiedenen Standpunkte, seine Polemiken, seine
furchtlosen Verrisse ...
Sehr geehrte Damen und Herren, über all das, und
sehr viel mehr, könnte, sollte und müßte man in einer
Laudatio zum Lobe Peter Urbans sprechen. Ja, all das müßte
man, wenn man Slavist, wenn man Philologe wäre. Gestatten
Sie mir, der ich kein Slavist bin, wenn ich ganz etwas anderes tue, wenn
ich nämlich nur eine kleine Geschichte erzähle, eine Geschichte
zumal, die ich selbst erlebt habe:
Ich weiß nicht mehr, wann es war, daß ich
Cechovs Die Insel Sachalin gelesen habe, ein schwarzes Diogenes-Buch,
herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Peter Urban. Es ist zehn
Jahre her, vielleicht länger, ich weiß es nicht mehr. Aber
an eines erinnere ich mich genau: Diese Ausgabe hat im Anhang fünf
Anlagen, und die fünfte ist ein Reisebericht, der Aus Sibirien
heißt.
In Kapitel IX dieses Reiseberichts beschreibt Cechov,
wie er auf dem Weg nach Sachalin den Enisej erreicht, den prächtigsten
Fluß, den er je gesehen hat; wie er durch Krasnojarsk läuft,
die beste und schönste aller sibirischen Städte;
wie ihn die Berge so rauchfarben und traumverloren
an den Kaukasus erinnern, und wie er in die Taijga fährt,
die jenseits des Enisej beginnt. Gewöhnliche menschliche Maßstäbe,
schreibt er, sind in der Tajga nicht angebracht, (...) nur die Zugvögel
wissen vielleicht, wo sie zu Ende ist ...
Seit ich diesen Reisebericht gelesen hatte, wollte
ich nach Sibirien, und zwar an diesen Fluß. Im letzten Jahr, Ende
Mai, wurde dieser Traum dank einer Einladung wahr. Für den langen
Flug hatte ich mir u.a. zwei gerade erschienene Bücher mitgenommen:
Pukins Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829
sowie seine Erzählungen, beide Bücher von Peter Urban
herausgegeben und übersetzt.
Pukin kannte ich bis dahin kaum, Eugen Onegin
und den Ehernen Reiter hatte ich vor längerer Zeit in älteren
Übersetzungen gelesen ziemlich folgenlose Lektüren, um
ehrlich zu sein! Warum Peter Urban, der Chlebnikov-, Charms- und Sorokin-Übersetzer,
warum Peter Urban sich ausgerechnet mit Pukin zu beschäftigen
begonnen hatte, das hatte ich noch nicht verstanden.
Das Tagebuch einer Reise, las ich dann in seinem Vorwort,
das Tagebuch Pukins sei der direkte Vorläufer der Prosa Cechovs
und insbesondere ich traute meinen Augen nicht der Insel
Sachalin. Eine unglaubliche Koinzidenz! Und dann dies: vor den Erzählungen
ein Fragment, quasi als Motto: Genauigkeit und Kürze, heißt
es da, sind die ersten Eigenschaften der Prosa. Plötzlich,
am morgendlichen Himmel über Sibirien, im Anflug auf Krasnojarsk,
wurde mir blitzartig klar, was diesen ganzen Urbanschen Kosmos im
Innersten zusammenhält.
Es war, wie gesagt, Ende Mai 1999, im Kosovo und in
Serbien herrschte Krieg, er hätte unsere (schwierige) Reise fast
verhindert. Und dennoch: An einem Abend saßen wir schließlich
bei sommerlichen Temperaturen in einer Kneipe am Ufer des Enisej. Niemand
traute sich, über den Krieg zu sprechen, die Russen nicht, wir Deutschen
nicht, also sprachen wir, fast ein bißchen verlegen, über Literatur.
Mein Nachbar, ein Schriftsteller aus Irkutsk, war ein Kenner, er schien
alles gelesen zu haben, was als avanciert gelten kann.
Wir machen erst ein bißchen small-talk, reden
über dies und das, Namen gehen hin und her, bis er mich plötzlich
fragt: Und was ist mit Pukin? Kennt Ihr Deutschen eigentlich
Pukin? Ich zögere. Ja ... nein ...
antworte ich Pukin kennen wir in Deutschland ... eigentlich
nicht. Den alten Übersetzungen, ihnen ist nicht richtig zu trauen,
aber im Flugzeug, im Flugzeug habe ich angefangen, seine Erzählungen
zu lesen, in einer neuen Übersetzung, und seitdem habe ich eine Ahnung,
warum Ihr Russen so begeistert seid von Pukin.
Da legt unser Freund los. Auf diese Gelegenheit, scheint
es, hat er gewartet. Er richtet sich in seinem Stuhl auf, seine Augen
leuchten er erzählt mir von Pukin, von der Pukin-Zeit!
Erzählt vom Krieg gegen Napoleon, dem brennenden Moskau, der Hochwasserkatastrophe
in St. Petersburg, der Revolte der Dekabristen, dem russisch-türkischen
Krieg. Erzählt von Pukin, dem Lyzeums-Schüler, dem Sekretär
im Außen-Ministerium, dem Freund der Dekabristen, von Pukin,
der wegen angeblich majestätsbeleidigender Gedichte strafversetzt,
danach unter Polizeiaufsicht gestellt wurde, von seiner Reise nach Tiflis,
von seinem Tod im Duell ...
Unser Freund, er erzählt und erzählt, und
ich, ich höre ihm zu, ihm und dem Dolmetscher, und ich verstehe,
ich verstehe seine Begeisterung, ich lese Pukin ja auch,
in jeder freien Minute unserer Reise, ich teile seine Begeisterung, denn
ich weiß seit kurzem, wovon er spricht.
Hinter uns fließt der prächtige
Enisej, wir trinken Bier und Vodka, und obwohl es schon nach zwölf
ist, ist es immer noch sehr warm. Und plötzlich trotz
der unsäglichen politischen und sozialen Probleme, die wir in den
vergangenen Tagen kennengelernt haben, und trotz des gegenwärtigen
Mordens im Kosovo und in Serbien plötzlich halte ich einen
kurzen, einen unwillkürlichen Moment lang für möglich,
was Cechov dachte, als er 1890 hier am Enisej stand: Was für
ein reiches, kluges und kühnes Leben schrieb er wird
einmal diese Ufer erhellen.
Ich gebe zu: Es war nur ein kurzer Moment, aber er
war schön und für mich ist er unvergeßlich. Ein
Text von Cechov war es gewesen, der meine Sehnsucht befeuert hatte, an
den Enisej reisen zu wollen, und nun saßen wir hier, und es war
meine Reise-Lektüre, es war Pukin, über den wir reden
konnten, allen Unterschieden, allen Problemen, allen Kriegen zum Trotz.
Und ich, der kein Russisch kann, ich hatte diesen glückhaften Moment
der Übersetzung Peter Urbans zu verdanken.
Ich komme zum Schluß. Lieber Peter, heute,
auf den Tag genau, vor einhundert Jahren, also am 26. März 1900,
schrieb Cechov aus Jalta drei Briefe einen davon an den Schriftsteller
Michail Osipovic Menikov. Dieser Brief endet wie folgt: Bleiben
Sie gesund schreibt Cechov , ich drücke Ihnen fest die
Hand.