aus des Mannes Feder
Herman Melvilles Reisetagebücher
Von Norbert Wehr
Die Reisen, die Herman Melville unternahm, sei es als Schiffsjunge, als
einfacher Matrose oder als Schriftsteller, waren, neben den Lektüren,
die wichtigsten Inspirations-Quellen für sein literarisches Werk.
Ohne die Erfahrung, die Schauplätze, an denen seine Figuren auftreten,
selbst erkundet zu haben, ist keines seiner Bücher denkbar.
Der Roman Redburn
verdankt sich etwa den Erfahrungen, die Melville 1839 als Kabinensteward
auf einem Postschiff machte, und Typee,
Omoo, Mardi, White-Jacket, und vor allem noch Moby-Dick,
sind inspiriert von einer dreieinhalbjährigen Südsee-Reise,
die er 1841 als Matrose an Bord von Walfängern und Kriegsschiffen
unternahm.
Tagebücher führte Melville auf diesen ersten
beiden Reisen nicht - jedenfalls sind keine bekannt. Die Aufzeichnungen,
die er später, als er ein Schriftsteller war, auf drei größeren
Reisen machte, waren dafür umso ausführlicher. Gut übersetzt
und beispielhaft kommentiert von Alexander Pechmann sind sie jetzt komplett
auf Deutsch erschienen.
Diese Aufzeichnungen, die 1849 auf einer Reise nach
London, 1856/57 auf einer Reise ins Heilige Land und 1860
an Bord des Schiffes Meteor auf
einer Fahrt nach San Francisco entstanden, waren lediglich Arbeitsmaterialien.
Sie bestehen aus schnell hingekritzelten Notizen und telegrammstilartigen
Protokollen; man könnte sagen: aus schriftlichen Polaroids,
wie man sie im Vorbeigehn übers Wetter, über die Reise-Bedingungen,
über Charaktere und Milieus, über Architektur, über Kunst,
über Bücher und Landschaften macht.
Für den an Werk und Biographie Melvilles Interessierten
sind sie dennoch eine aufschlußreiche, spannende Lektüre: Die
auf diesen Reisen gewonnenen Erfahrungen und im Tagebuch festgehaltenen
Beobachtungen hatten nämlich direkten, nachweisbaren Einfluß
auf die späteren Werke - die Europa-Reise insbesondere auf Moby-Dick
und auf Pierre, die Reise ins Heilige
Land auf das lange Poem Clarel.
Zum anderen machte Melville diese Reisen an entscheidenden
Wendepunkten seines Lebens: Als er 1849 zur ersten Reise aufbrach, war
er dreißig Jahre alt, er war dank Typee
und Omoo ein bekannter und erfolgreicher
Schriftsteller. Selbstbewußt fuhr er nach England, um einen profitablen
Vertrag für seinen Roman White-Jacket
auszuhandeln.
Er nutzte die Geschäftsreise außerdem für
eine Suche nach neuen Ideen und Stoffen. Als er sich zweieinhalb Monate
später zur Rückreise einschiffte, u.a. mit Shakespeare- und
De Quincey-Lektüre im Gepäck, hatte er tatsächlich eine
Vorstellung von seinem nächsten Buch - einem Erzählung und Essay
verschränkenden allegorischen Buch, das sich völlig vom Erzählkonzept
seiner bisherigen Abenteuer-Bücher unterschied.
Seine Aufzeichnungen und die auf der Reise gekauften
Bücher - er nutzte sie im Folgenden wie einen Steinbruch. Schon während
der Überfahrt entstanden (auf den Vorsatzblättern seiner Shakespeare-Ausgabe)
erste Skizzen für einen Roman über den Walfang. Zurück
in Amerika, begann er dann mit wahrem Furor die Arbeit an diesem Roman,
der später Moby-Dick or The Whale
heißen sollte.
Die zweite Reise im Jahr 1856/57 stand unter einem völlig
anderen Stern. Sie sollte eine Erholungsreise sein. Melville hatte sechs
manisch-produktive Jahre hinter sich, Jahre, in denen er in schneller
Folge seine wichtigsten Bücher geschrieben hatte: nach Moby-Dick
u.a. Pierre, die Encantadas,
Israel Potter, Bartleby, Benito Cereno und The
Confidence-Man. Melville war überarbeitet, erschöpft
- und krank. Seine Bücher waren immer erfolgloser, die Kritiken immer
vernichtender gewesen. Auf dem Höhepunkt seiner Kunst scheiterte
er an der Verständnislosigkeit von Kritik, Publikum und Familie.
In letzter Zeit ist es Melville nicht gut gegangen;
ihn haben Nervenschmerzen in Kopf und Gliedern geplagt, und zweifellos
hat er unter seiner pausenlosen literarischen Tätigkeit gelitten,
ohne daß ihm hierfür in letzter Zeit viel Erfolg zuteil geworden
wäre; zudem haben seine Schriften der letzten Jahre auf einen morbiden
Geisteszustand gedeutet. - So erinnerte sich Nathaniel Hawthorne
an Melvilles Verfassung am Beginn der Reise. Auf einem Spaziergang in
Liverpool, der ersten Station, habe er über die göttliche
Vorsehung und die Zukunft räsonniert, er sei sich über
seine völlige Auslöschung im Klaren.
Es wurde - kein Wunder! - eine Reise voller Desillusionierungen.
Am Ziel der Suche nach Erlösung, in Jerusalem, war die Enttäuschung
am schmerzlichsten. Judäa - ein einziger großer Schutthaufen!
Melville blickte in die Landschaft wie in einen Spiegel. Diabolisch und
grabähnlich kam sie ihm vor, wie ein Tor zur Hölle. Und Jerusalem
- von einem Totenheer belagert! Auf Schritt und Tritt verfolgten ihn morbide
Assoziationen. Gespenstisch sein Besuch des Heiligen Grabes - eine furchtbare
Täuschung, ein Touristen-Nepp ...
Hatte die erste Reise einen kreativen Furor ausgelöst,
begannen nach der zweiten lange, depressive Jahre des Schweigens. Angebote,
eine Artikelserie und ein Buch zu schreiben, lehnte er ab. Vorträge
über seine Reisen waren wenig erfolgreich. Es dauerte zwanzig Jahre,
bis Clarel. A Poem and Pilgrimage in the
Holy Land erscheinen konnte. In ihm fand Melville im Spiegel eines
jungen amerikanischen, von Zweifeln geplagten Theologie-Studenten, der
mit einer Pilger-Gruppe das Heilige Land bereist, den literarischen
Ausdruck seiner Desillusionierung.
Ein weiterer, letzter Schritt zu dieser Desillusionierung
war die dritte Reise. Er trat sie Ende Mai 1860 auf der von seinem Bruder
Thomas kommandierten Meteor an.
Es sollte eine Weltumsegelung werden. Und Melville hatte sich auf sie
gefreut. Doch schon in San Francisco ging er von Bord. Denn von Anfang
an hatten düstere Schatten über dieser Reise gelegen. In spärlichen,
von großen Abständen unterbrochenen Notizen berichtet er von
Seekrankheit, schlechtem Wetter, vom Zusammenstoß mit einem anderen
Schiff - und vom Tod eines jungen Seemanns, der während eines Sturms
bei der Umschiffung von Kap Hoorn kopfüber von der Rah des Marssegels
aufs Deck gefallen war.
Melvilles Aufzeichnungen brechen am 10. August ab, am
Tag des Begräbnisses. Seine letzten Sätze lauten: Wenig
Bedauern seitens der Besatzung - alles nimmt seinen gewohnten Gang - auch
ich lese & denke & esse & spreche als ob nichts geschehen
wäre - als ob ich nicht wüßte, daß der Tod wahrhaftig
König aller Schrecken ist. - - Wenn so etwas geschieht; wenn so das
Herz einer liebevollen Mutter gebrochen wird - ist es der König aller
Schrecken, nicht für den Sterbenden oder den Toten, sondern für
den Trauernden - die Mutter. - So einfach läßt sich sein Schicksal
nicht aus ihrem Herzen waschen, wie sein Blut vom Deck des Schiffes.
Wieder zurück im heimatlichen Pittsfield, war er
dann gezwungen, seine Farm zu verkaufen. Er gab endgültig den Versuch
auf, seinen Lebensunterhalt mit Schreiben verdienen zu wollen. 1861 zog
er ins ungeliebte New York, wo er 1866 eine Stelle als Zollinspektor im
Hafen antrat. Er schrieb nichtsdestotrotz weiter, vor allem Gedichte,
die erstaunlichen Battle-Pieces,
dann Clarel, anschließend
John Marr and Other Sailors und
Timoleon. Diese Bände konnten
nur noch in kleinsten Auflagen und als Privatdrucke erscheinen. Melville
wurde von seinen Zeitgenossen völlig vergessen. Als er am 28. September
1891 starb, meldete die New York Times
den Tod eines gewissen Henry Melville, der einst der berühmte
Autor eines Romans namens Typee
gewesen war.