Wollust und heiße Schuld
Michael Maar über ein Motiv bei Thomas Mann
Von Norbert Wehr
Als Thomas Mann sich im Frühjahr 1933 auf einer Vortragsreise
im Ausland befindet, wird ihm klar, daß er nicht nach Deutschland zurückkehren
kann. Wachsende Sorge, später panische Angst gilt dem Verbleib seiner
frühen Tage-bücher, die in einem Schließ-Schrank seines Arbeitszimmers
aufbewahrt sind. Um sicherzugehen, daß sie nicht in falsche Hände geraten,
beauftragt er seinen in München gebliebenen Sohn Golo mit ihrer Nachsendung
in die Schweiz.
Jedoch - das mit der Post verschickte Paket verspätet
sich. Jeder Tag, den Thomas Mann zu warten gezwungen ist, wird zur Qual.
Am 30. April, abends in Basel, notiert er in sein Tagebuch: „Meine Befürchtungen
gelten jetzt in erster Linie u. fast ausschließlich diesem Anschlage gegen
die Geheimnisse meines Lebens. Sie sind schwer und tief. Furchtbares,
ja Tötliches kann geschehen.“
Erika, die ihn begleitende Tochter, berichtet von „unpräzedierten“
Erregungs- und Verzweiflungszuständen. Was sie nicht wissen kann: Ihr
Vater denkt ernsthaft an Selbstmord! Um so größer ist schließlich die
Erleichterung, als die Manuskripte Anfang Mai doch noch eintreffen: „Bedeutende
u. tiefe Erleichterung“, notiert Thomas Mann. „Das Gefühl, einer großen,
ja unaussprechlichen Gefahr entgangen zu sein ...“ Eigenhändig verbrennt
er daraufhin die Tagebücher.
Was könnte - fragt nun Michael Maar in seinem neuen
Buch Das Blaubartzimmer. Thomas Mann und
die Schuld - was könnte der Grund für diese panische Angst gewesen
sein? Welche „schweren“ und „tiefen“ Geheimnisse hatte Thomas Mann seinen
frühen Tagebüchern anvertraut? Waren es homosexuelle Bekenntnisse? Waren
es Geschichten mit Knaben? Oder war es etwas anderes? Etwas Schlimmeres
gar?
Homosexuelle Bekenntnisse waren es nicht, da ist Maar
sich ziemlich sicher. Es muß Schlimmeres gewesen sein. Denn in seinen
Büchern, sogar in Vorträgen und vor allem im Kreis der Familie hatte Thomas
Mann immer mit erstaunlicher Offenheit, ja Entspanntheit über seine homoerotischen
Neigungen gesprochen. Deshalb hatte er gewiß keine Schuldgefühle. - Welche
andere, welche größere Schuld war es also dann?
Eingeladen von Thomas Mann selbst, der ein Leben lang
darauf beharrt hat, nichts erfunden, sondern alles eigener Erfahrung verdankt
zu haben, liest Maar daraufhin das Werk noch einmal neu - und macht eine
sensationelle Entdeckung: Er entdeckt nämlich vom frühen Tobias
Mindernickel über die Josephs-Romane
bis hin zum späten Doktor Faustus
eine nicht abreißende Blutspur, entdeckt ein ständig neu, ein fast zwanghaft
variiertes Motiv, das von Lust und Gewalt, von Rache und Verbrechen, von
Geständnissen, Rechtfertigungen und Beichten erzählt...
... wie etwa von der Beichte Adrian Leverkühns am Ende
des Doktor Faustus, der in einer
Rede vor größerem Auditorium offenbart: „... und will‘s gebeichtet haben
heut und hier vor euch allen, daß ich vor euch sitze auch noch als ein
Mörder.“ - Damit, daß Maar neben vielen anderen auch auf diese Stelle
hinweist, ist es heraus. Damit ist der Verdacht ausgesprochen. Denn wenn
Leverkühn erklärtermaßen ein Selbstporträt war, könnte, fragt Michael
Maar, Thomas Mann hier etwa seiner Figur ein Geständnis in den Mund gelegt
haben?
Ein unglaublicher Verdacht: Thomas Mann, könnte er tatsächlich
einen Mord begangen haben? Und könnte er, dieser vermeintliche Mord, der
Grund für die panische Angst im Frühjahr 1933, für den lebenslangen Schuldkomplex
und den Geständniszwang gewesen sein? - Nein, ganz so weit geht Maar nicht.
Und beweisen kann er es schon gar nicht. Aber er geht fast
so weit. Für ihn steht nämlich fest, daß der 21jährige Thomas Mann während
seiner zweiten Neapel-Reise im November 1896 im Prostituierten- oder Homosexuellen-Milieu
ein (bislang unbekanntes) traumatisches Erlebnis gehabt haben muß, sei
es als Täter, sei es als Opfer oder als Zeuge. Ein Erlebnis, wahrscheinlich
ein Verbrechen, das stattgefunden haben muß und nicht nur eingebildet
gewesen sein kann...
Eine gewagte Spekulation! Die Einwände gegen eine Lesart,
die im Werk nach beweiskräftigen Indizien für Erlebnisse aus dem Leben
sucht, liegen natürlich auf der Hand. Doch hier wollen sie gut überlegt
sein, wenn sie nicht an Maars frappierend detailgenauer Kenntnis von Biographie
und Werk, wenn sie nicht an der bestechenden, lückenlos scheinenden Indizienkette
abprallen sollen. Man muß schon jedes Wort von Thomas Mann kennen, um
beurteilen zu können, ob die Blutspur wirklich eine veritable Spur oder
nicht doch nur ein kleines Rinnsal ist.
Abgesehen von dieser Frage, die der Rezensent nicht
beantworten kann - erstaunlich ist etwas anderes: daß Maar mit seiner
grellen Ausleuchtung eines Motivs einen Autor entwirft, der bislang so
nicht bekannt war, jedenfalls dem Rezensenten nicht. Und daß er es mit
seiner philologisch-kriminalistischen Untersuchung geschafft hat, einen
alten Thomas-Mann-Verächter erstmals ernsthaft für dessen Werk zu interessieren
... Respekt, Respekt!