Das Leichentuch des Meeres
Melville und der Untergang der Essex
Von Norbert Wehr
Es war seine zweite Seereise, zu der er
als Schiffsjunge anheuerte, eine ereignisreiche, eine abenteuerliche Reise,
und sie war der wichtigste Stoff für viele Bücher, die er in
Zukunft schreiben sollte. Auf der ersten Reise, im Jahr 1839, war er als
Kabinensteward auf dem Postschiff St. Lawrence die Route
New York Liverpool New York gefahren. Die zweite führte
ihn 1841 von New Bedford aus auf Walfang in den Pazifik, erst mit der
Acushnet, dann der Lucy Ann, schließlich mit der Charles
& Henry.
Auf den Marquesas-Inseln desertierte er von der Acushnet,
lebte einen Monat lang unter den Eingeborenen im Typee-Tal, heuerte auf
der Lucy Ann mit Kurs Tahiti an, wo er zusammen mit der Mannschaft
meuterte, in Haft saß, dann mit der Charles & Henry
nach Hawai fuhr, längere Zeit in Honolulu arbeitete und von dort
aus mit der United States in die Vereinigten Staaten zurückkehrte.
25 Jahre war er alt bei seiner Rückkehr, der Schiffsjunge namens
Herman Melville.
Unter den vielen Eindrücken dieser dreieinhalbjährigen
Reise war einer besonders folgenreich. Bei einem Treffen auf See, im Sommer
1841, nahe dem Äquator im Südpazifik, lernte er nämlich
William Henry Chase kennen, einen jungen, sechzehnjährigen Seemann
aus Nantucket. Chase trug einen Namen, den in Amerika jedes Kind kannte.
William Henry war der Sohn von Owen Chase, dem berühmt gewordenen
Verfasser eines Augenzeugen-Berichts über den Untergang des Walfängers
Essex im Jahre 1820.
Ich befragte ihn zu den Abenteuern seines Vaters,
schrieb Melville später über diese Begegnung: Er öffnete
seine Truhe & reichte mir ein vollständiges Exemplar der Erzählung.
(...) die Lektüre dieser wundersamen Geschichte inmitten dieser landlosen
See, & in unmittelbarer Nähe des Längengrades, an dem das
Wrack gesunken war, hatte eine überraschende Wirkung auf mich.
Und eine Wirkung von langer Dauer: Denn acht Jahre danach, als er an Moby-Dick
schrieb, hatte er diese Erzählung immer noch nicht vergessen können.
Chase Bericht über den agressiven Angriff eines 30 Meter langen
Pottwals auf die 238 Tonnen verdrängende Essex ging deshalb
in zwei zentrale Kapitel seines Romans ein: in Kapitel 45 (Die Beglaubigung)
und Kapitel 135 (Die Jagd Dritter Tag).
In Kapitel 45 berichtet Melville u.a. von seiner Begegnung
mit Chase Sohn und der Lektüre des Berichts. Mit einigen in
Fußnoten untergebrachten Zitaten aus dem Bericht versucht er zu
beglaubigen, was er später, im letzten Kapitel, dem großen
Finale seines Romans, erzählen wird ein Ereignis, das bis
dahin für unmöglich gehalten worden war: daß ein Wal ein
großes Schiff angreifen und zerstören kann!
Kapitel 135 wirkt schließlich wie ein direktes,
fast wörtliches Echo auf Chase Erzählung. Alle blickten
gebannt, heißt es bei Melville, nach dem Wal
hin, der mit seltsam hin und her wiegendem Haupt heranstürmte, wobei
er einen breiten Gischtstreifen im Halbkreis vor sich aufwühlte.
Sein ganzer Anblick verriet nur Vergeltung, jähe Rache und ewige
Arglist, und niemand vermochte es zu verhindern, daß er mit dem
mächtigen weißen Block seiner Stirn des Schiffes Bug an Steuerbord
rammte, so daß Menschen und Holz erzitterten ... Die
Pequod geht nach diesem Rammstoß unter, Ahab, ihr
Kapitän, der sich in einem Harpunenseil verfangen hat, wird von dem
Wal mit in die Tiefe gerissen; Ishmael, der Erzähler, überlebt
als einziger. Der Roman endet mit seiner Rettung nur zwei Tage
später.
Ganz anders die Geschichte der Essex. Ihre Katastrophe
beginnt erst mit den Angriff des Wals: Alle 20 Besatzungsmitglieder überleben
den Angriff in den Morgenstunden des 20. November 1820. Sie haben danach
noch Zeit, Wasserfässer, Schiffszwieback und einige Schildkröten
zusammenzuraffen und sich in drei leichte, provisorisch mit Segeln versehene
Walfangboote zu retten. Mit ihren ebenfalls geretteten Kompassen und Quadranten
bestimmen sie ihre Position. Sie befinden sich auf 0° 40 südlicher
Breite und 119° 0 westlicher Länge, mitten im Pazifik,
510 Seemeilen von den Galapagos-Inseln entfernt. Bei allerknappster Rationierung
reicht ihr Proviant für 60 Tage, jedem Mann stehen pro Tag 170 Gramm
Zwieback und ein Viertelliter Wasser zur Verfügung weit weniger,
als ein Mensch zum Überleben braucht.
Von den zwanzig Besatzungsmitgliedern werden am Ende
fünf Männer in zwei Booten überleben, nach 90 bzw. 95 Tagen
auf offener See, und nach 4500 zurückgelegten Seemeilen. Was sie
bis zu ihrer Rettung, kurz vor der chilenischen Küste, erleiden,
ist ein einziger Albtraum, eine unglaubliche Geschichte, die auch Melville
nicht besser hätte erfinden können: eine Geschichte von agressiven
Killerwalen, von Stürmen, leckenden Booten, einer Korallen-Insel,
von Windstille und sengender Sonne, von quälendem Hunger und Durst,
sterbenden Kameraden und Seebegräbnissen, von einem Losentscheid,
einem erschossenen Kameraden und von Kannibalismus ...
Als eines der beiden Boote, in dem sich Kapitän
George Pollard befand, am 23. Februar 1821 von der Dauphin aufgegriffen
wurde, bot sich deren Besatzung ein schreckliches Bild: Als erstes
sahen sie Knochen Menschenknochen , mit denen die Duchten
und Deckplanken übersäht waren, als wäre das Walboot die
Hochseehöhle einer grausamen, Menschen fressenden Bestie. Dann entdeckten
sie die beiden Männer. Zusammengekauert saßen sie da, jeder
in einem Ende des Bootes, die Haut verbrannt und wund, die Bärte
salz- und blutverkrustet. Und während ihnen die Augen aus den Höhlen
traten, saugten sie das Mark aus den Knochen ihrer toten Bordgenossen
...
Owen Chase Narrative of the Most Extraordinary and Distressing
Shipwreck of the Whale-Ship Essex, of Nantucket; Which Was Attacked and
Finally Destroyed by a Large Spermaceti-Whale, in the Pazific Ocean; with
an Account of the Unparalleled Sufferings of the Captain and Crew during
a Space of Ninety-Three Days at Sea, in Open Boats; in der Years 1819
& 1820 galt lange Zeit als ausführlichster und glaubwürdigster
Bericht von dieser Katastrophe. Er ist jetzt erstmals in einer deutschen
Übersetzung erschienen, fast zeitgleich mit Nathaniel Philbricks
Im Herzen der See, einer aktuellen Nacherzählung der Geschichte.
Philbrick, ein Historiker aus Nantucket, wartet in
seinem Buch mit einer kleinen Sensation auf. Er nutzt für seine Darstellung
der Katastrophe eine weitere Quelle, die erst 1980, also 160 Jahre nach
dem Unglück, entdeckt worden war: ein Notizbuch Thomas Nickersons,
des fünfzehnjährigen Kajütenjungen der Essex, der
nach dem Untergang mit Chase im selben Walboot saß.
Nickersons Erinnerungen weichen an einigen bezeichnenden
Stellen von Chase Bericht ab und erlauben so ein differenzierteres
Bild der Ereignisse. Nickerson erinnert sich etwa, daß Chase, der
Obermaat der Essex, eine Chance gehabt habe, den Wal bei seinem
Angriff zu harpunieren was er jedoch unterließ, aus Angst,
der verletzte Wal könne das Ruder des Schiffs beschädigen. Nickerson
kritisiert außerdem die Entscheidung, die Kapitän Pollard unter
dem Druck von Chase getroffen hatte: nämlich nicht die nächstgelegenen
Marquesas-, Tuamotu- oder Gesellschafts-Inseln anzusteuern, sondern den
weiten Weg bis ins südliche Südamerika zu versuchen. Ich
kann nur sagen, heißt es in seinem Notizbuch, daß
es eine ungeheuerliche Dummheit oder ein großes Versehen war, das
viele ... gute Seeleute das Leben kostete (auch davon bei Chase
kein Wort).
Melville, der die Marquesas- und Gesellschafts-Inseln
von seiner zweiten Reise her kannte und deshalb als der Mann galt, der
unter Kannibalen gelebt hatte, teilte übrigens diese
Einschätzung. In seinem Exemplar von Owen Chase Bericht notierte
er: Nach menschlichem Ermessen hätte alles Leid dieser unglücklichen
Männer von der Essex verhindert werden können, wenn sie
sofort nach Verlassen des Wracks direkten Kurs auf Tahiti genommen hätten,
von dem sie damals nicht sehr weit entfernt waren & wohin sie ein
anständiger Passatwind geblasen hätte. Aber sie fürchteten
sich vor Kannibalen & wußten merkwürdigerweise nicht, daß
Tahiti bedenkenlos von Seeleuten angelaufen werden konnte ...
Das war sie also, die ganze, die ungeheuerliche Tragik
der Geschichte: Aus Angst vor angeblich auf diesen Inseln lebenden Menschenfressern
wählten Pollard und Chase einen sehr viel längeren Weg
und wurden am Ende selbst zu Kannibalen, die nur überleben konnten,
indem sie ihre eigenen Leute auffraßen.
Diese Geschichte, die man auch heute nicht ohne Grauen
lesen kann, hat Philbrick unter Berücksichtigung aller bekannter
Quellen dokumentiert. Und wie Moby-Dick, der nicht einfach nur
ein Roman über die Jagd nach einem Wal ist, ist sein Buch weit mehr
als nur eine Nacherzählung des Dramas: Es ist auch ein versuchsweise
enzyklopädisches Werk über die Geschichte der Hafenstadt Nantucket,
ihres Aufstiegs zur Metropole der Walfangindustrie, über das Quäkertum
seiner Bewohner, über die Geschäftspraktiken der Reeder, die
ausbeuterischen Arbeitsbedingungen der Seeleute, über Jagdpraktiken,
über das maschinelle Zerlegen und Verarbeiten der Wale, über
Kannibalismus.
Es ist kein Werk der Weltliteratur, wie Moby-Dick,
aber es ist seriös recherchiert und vor allem spannend erzählt.
Auch bei wiederholter Lektüre ist man ergriffen von der Schilderung
der letzten Tage der Überlebenden. Es ist, wie Owen Chase Bericht,
Pflichtlektüre für alle Melville-Leser.
Ein Jahr, nachdem Moby-Dick erschienen war und nachdem er seinen
Roman Pierre abgeschlossen hatte, fuhr Melville übrigens für
einige Tage nach Nantucket. Er machte dort u.a. die Bekanntschaft eines
Rechtsanwalts namens Clifford. Ihm verdankte er den Hinweis auf einen
Fall, der ihn später zur Geschichte von Hunilla, der Chola-Witwe
anregen sollte: einer Geschichte, die auf den Galapagos-Inseln spielt
und von einem Schiffbruch handelt ...
Außerdem traf er bei diesem Besuch George Pollard.
Der ehemalige Kapitän der Essex, der einen zweiten Schiffsuntergang
überlebt hatte, arbeitete mittlerweile als Nachtwächter. Melville
erkannte in ihm auf Anhieb einen Seelenverwandten: Für die
Inselbewohner, schrieb er, war er ein Niemand für
mich war er der beeindruckendste Mann dabei vollkommen uneitel,
ja sogar bescheiden , dem ich je begegnet bin.
1876, als er selbst ein Niemand geworden war, d.h.
schon jahrelang als Zollinspektor im Hafen von New York arbeitete, setzte
er ihm in seinem langen Poem Clarel ein kleines Denkmal: Nie
lächelte er; / Rief man ihn, kam er; nicht bitteren Geistes, / demütig
und versöhnt; Geduldig war er, widersetzte sich keinem; / Oft versank
er in Gedanken an etwas Geheimes.