Schaukelnde Züge
Jewgeni Popows Die wahre Geschichte der Grünen Musikanten
Von Norbert Wehr
Während er an seiner umstrittenen Edition von
Aleksander Puschkins Eugen Onegin arbeitete, schrieb Vladimir Nabokov
einen Roman, in dem er seine übersetzerische und kommentierende Arbeit
am Onegin auf ironische Weise selbst parodierte. Dieser Roman,
Pale Fire, ist sein merkwürdigster und kuriosester, und sicherlich
seine intrikateste Spiegelfechterei.
Vermeintlicher Autor von Pale Fire, einem aus
vier Gesängen und 999 Pentametern bestehenden autobiographischen
Gedicht, ist ein Dichter namens John Shade. Charles Kinbote, ein aus Zemla,
einem märchenhaften Land nördlich von Rußland stammender
Emigrant, fungiert nach der Ermordung Shades als dessen Herausgeber. In
ausufernden, den Umfang des Gedichts um ein Vielfaches übertreffenden
Anmerkungen und Kommentaren deutet er Pale Fire als verschlüsselte
Darstellung seines eigenen Lebens.
Ein Springteufel, eine Fabergé-Preziose,
ein Aufziehspielzeug, eine Falle für Rezensenten, ein Katz-und-Maus-Spiel,
so hat Mary McCarthy diesen Roman einst charakterisiert.
Die wahre Geschichte der Grünen Musikanten,
Jewgeni Popows jüngster Roman, ist ebenfalls so ein Springteufel.
Wie Pale Fire, ist er eine Selbst-Parodie des eigenen Werks, und
seiner Stuktur wegen eine Paraphrase auf das Vorbild des großen
Landsmanns.
Popow stammt aus dem sibirischen Krasnojarsk, einer
Stadt am Jenissej, der unweit der wirklichen Zemla-Inseln ins nördliche
Eismeer mündet. Wie Vladimir Sorokin, wie Dimitri Prigow und Lew
Rubinstein, die wichtigsten Vertreter des Moskauer Konzeptualismus, hat
er sich in seinen bisherigen Romanen für die zeichenhafte und ideologische
Verfaßtheit der Realität interessiert, für die Sprach-
und Bilderwelten des sowjetischen Alltags, vor allem während der
siebziger Jahre, der Breshnew-Ära, einer Zeit bleiernen Stillstands.
Von dieser Zeit erzählt auch Die Geschichte
der Grünen Musikanten: Dank eines Stipendiums sitzt Popow 1997
in der ehemaligen Villa Otto Grotewohls in Berlin-Pankow, und kommentiert
eine kurze, ziemlich präpotente Erzählung, die er angeblich
im Jahr 1974 geschrieben haben will. Wie Charles Kinbote versieht er diesen
unverkennbar autobiographischen Text mit sage und schreibe 888 Anmerkungen:
was so entsteht, ist Die wahre Geschichte der Grünen Musikanten.
Die vermeintlich ursprüngliche Geschichte handelt
von der Karriere des aus Krasnojarsk stammenden Iwan Iwanytsch, der in
seiner Jugend als Schriftsteller dilettierte und später einer der
mächtigsten Männer Rußlands wurde. Eine Figur also, zu
der Popow hätte werden können, wenn er bloß ein unbegabter
Möchtegern-Schriftsteller gewesen wäre.
In zahllosen Geschichten und Anekdoten, die er assoziativ,
und oftmals willkürlich, an die Geschichte anlinkt, erinnert er an
die Jahre bis zum Ende der Perestroika, als der Kommunismus zerplatzte
wie ein von Rowdys zu überdimensionaler Größe aufgeblasenes
Kondom.
Seine Jugend in der geschlossenen Stadt Krasnojarsk,
die Kampagne gegen seinen in Amerika verlegten Almanach Metropol,
sein Ausschluß aus dem Schriftstellerverband, Trinkgelage mit Kollegen,
Frauengeschichten, Lektüren, Filme, Schlager, Redensarten
all das läßt er noch einmal ausschweifend, manchmal auch ein
bißchen geschwätzig, Revue passieren.
Lesen muß man sein Buch, wie man im Internet
surft: also in vor- und rückspringender Lektüre was nicht
immer ganz leicht ist. Hat man es, wenn auch mit Mühen, irgendwann
geschafft, sich in diesen Hyper-Text einzulinken, dann wird man mit einer
hoch-komischen Geschichte der russischen Literatur und des sowjetischen
Alltagslebens belohnt und nicht zuletzt mit vielen guten Witzen.
Zum Beispiel dem: Breshnew reist eines Tages mit dem
Zug durchs Land, und der Zug bleibt plötzlich stehen. Breshnew erhält
die Meldung: kein Gleis mehr, und die Kohle ist auch ausgegangen. Da ordnet
er an: Vorhänge zuziehen und den Wagen zum Schaukeln bringen,
damit alle das Gefühl haben, wir fahren.