Vom Scheitern eines Aufstands
Jan Jacob Slauerhoffs letzter Roman
Von Norbert Wehr
Er führte schlecht und recht / ein unduldsames
Leben So lauten die letzten Zeilen eines Gedichts, das er,
der ruhelos auf den Weltmeeren Umherirrende, sich selbst am Ende seines
kurzen, nur 38jährigen Lebens, In Memoriam geschrieben hatte.
Ein anderer, ein angehender Schriftsteller, war ihm,
seine bewunderten Gedichte im Gepäck, bis nach Macau, Nagoya und
Lissabon nachgereist, auch er, in jungen Jahren, ein nomadisierender Abenteurer.
Er hatte ihn zu seiner väterlichen Identifikationsfigur, zu seinem
literarischen Vorläufer gemacht, ihn, der sich seinerseits für
eine Reinkarnation des französischen Dichters Tristan Corbière
hielt.
Hätte er nicht wirklich gelebt der jüngere,
der Schriftsteller Cees Nooteboom, hätte ihn erfinden müssen:
Jan Jacob Slauerhoff, den Schiffsarzt und Schriftsteller, dessen Leben
und Werk wie geschaffen waren für einen Dichtermythos.
Der Rimbaud von Leeuwarden, der Corbière
der friesischen Hauptstadt wurde er genannt, nach seinem Geburtsort,
in dem er 1898 das Licht der Welt erblickte, und wegen seiner Geistesverwandtschaft
mit den Rebellen der französischen Dichtung, mit Verlaine, Rimbaud
und vor allem Corbière. Als Schiffsarzt befuhr er zeit seines Lebens,
rastlos und unerlöst wie der Fliegende Holländer,
die Weltmeere.
Auf der Route zwischen Java, China und Japan entstanden
seine Gedichte und Erzählungen, hier schrieb er seine Romane Das
verbotene Reich und Das Leben auf Erden, sonderbare, halluzinatorische
Bücher, die von der vergeblichen Suche nach dem Glück erzählen
Heimwehbücher, wie Albert Vigoleis Thelen sie
genannt hat, Heimwehbücher eines aufgejagten Dichters voller
Weltschmerz, Weltverachtung und Mysterium.
Eine kurz vor seinem Tod unternommene Reise ins revolutionsgeschüttelte
Südamerika war der Anlaß für seinen kleinen Roman Christus
in Guadalajara, der jetzt, mit einem Nachwort von Cees Nooteboom,
erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist.
Er erzählt, wie alle andern Bücher, vom Scheitern
einer Hoffnung: In Guadalajara, der Hauptstadt Jaliscos, einem der ärmsten
Staaten von Mexiko, versucht der ehrgeizige und korrupte Indiopriester
Tarabana, einen Volksaufstand zu inszenieren. Tarabana nutzt das Auftauchen
eines geheimnisvollen Glasscheiben-Verkäufers, um den Indios das
Erscheinen des lang erwarteten Erlösers vorzugaukeln. Zusammen mit
zwei Landbesitzern zwingt er ihn, in die Rolle des vermeintlichen Heilsbringers
zu schlüpfen.
Die Drei rekrutieren ein kleines Heer, nehmen die Stadt
in Besitz und scheitern dennoch. Zu unterschiedlich, zu egoistisch
sind ihre Interessen, außerdem ist der Christus wider Willen nicht
länger bereit, seine Rolle weiterzuspielen. Ihr Schicksal ist endgültig
besiegelt, als kommunistische Revolutionäre, denen die religiös
verbrämte Revolte verdächtig wird, sich mit der Stadtregierung
verbünden.
Der enttäuschte Priester wiegelt die Indios schließlich
gegen ihren unbrauchbar gewordenen Heiland auf, läßt ihn theatralisch
ans Kreuz nageln, um sich anschließend aus der Stadt abzusetzen.
Nur einer der Landbesitzer hat Mitleid: er nimmt den Glaser in sein Haus
auf. Ab und zu heißt es am Ende kamen Fremde
vorbei, um diesen Erlöser, der seine Kreuzigung überlebt hatte,
zu besuchen (...) Dann gab er ihnen mit der gesunden Hand ein Büschel
Kräuter und mit der verletzten den Segen und wurde manchmal zusammen
mit den Besuchern photographiert.
Das Ende einer Hoffnung als Farce so ließe
sich das pessimistische Vermächtnis von Slauerhoffs letztem Buch
beschreiben. Sein ästhetisches Vermächtnis ist Christus
in Guadalajara allerdings nicht dafür ist der Roman zu
hastig, stellenweise zu nachlässig geschrieben, dafür enthält
er zu viele Ungereimtheiten. (Ungereimtheiten, für die Slauerhoff
übrigens berüchtigt war.)
Und dennoch. Auch in diesem Roman blitzen immer wieder
seine Qualitäten auf: die Evokation von Landschaften und Städten,
die wie DeChirico-Bilder anmuten, und der unverwechselbar traurige, melancholische
Ton, der Nooteboom zu der Spekulation veranlaßt hat, bei seinem
Autor handele es sich um ein geheimes Heteronym Fernando Pessoas.
Eine schöne Mystifikation! Verstehen kann sie
aber nur, wer auch Slauerhoffs bessere Werke, wer seine Gedichte und Das
verbotene Reich kennt.