Dinge gibt es, die sagen
schier alles
Burkhard Spinnen in Krasnojarsk / Sibirien, Mai 1999
Von Norbert Wehr
Liebe Gäste, erlauben Sie mir ein Gedankenspiel:
Nehmen wir mal an, man hätte Burkhard Spinnen, den ich Ihnen heute
vorstellen darf, zwar vor einem halben Jahr zu dieser Lesung eingeladen,
hätte ihm aber verschwiegen, an welchem Ort sie stattfinden würde.
Nehmen wir außerdem an, Burkhard Spinnen wäre bereit gewesen,
sich auf diese ungewisse Reise einzulassen.
Man hätte ihn dann am letzten Samstag in seiner
Wohnung abgeholt, hätte ihm die Augen verbunden, seine Ohren mit
Ohropax verstopft und hätte ihn in ein Flugzeug gesetzt. Ohne zu
wissen, wohin man ihn fliegt, wäre er schließlich im sibirischen
Krasnojarsk gelandet. Man hätte ihn in sein Hotel gefahren, und erst
in seinem verhängten, von allen verräterischen Schriftzeichen
befreiten Zimmer hätte man ihm die Seh- und Hörbehinderungen
abgenommen.
Er hätte, darf man annehmen, erst einmal ziemlich
irritiert und orientierungslos auf seinem Bett gesessen. Doch dann, da
bin ich sicher, hätte er anzufangen versucht, den unbekannten Ort
über die Beschaffenheit von Tapeten, Fußleisten, Lichtschaltern,
Steckdosen, Sitzbezügen und Stoffen zu identifizieren. Er hätte
versucht, den Dingen ihre Herkunft und ihre Geschichte abzulesen.
Ob er ausgerechnet auf Krasnojarsk getippt hätte,
darüber läßt sich nur noch spekulieren, aber ich bin sicher,
Spinnen hätte sich an Ulrich Lofart erinnert, den Protagonisten seines
Romans Langer Samstag, für den er selbst ein ähnliches
Gedankenspiel erfunden hatte. Dinge gibt es, die sagen schier
alles lautet der Kern-Satz dieses Buchs.
Langer Samstag, der bisher einzige Roman von
Burkhard Spinnen, steht im Zentrum des aus fünf Büchern bestehenden
Werks: zwei Erzählungsbänden (Dicker Mann im Meer und
Kalte Ente), Kürzest-Geschichten (Trost und Reserve)
sowie Modelleisenbahn, einer kleinen, gleichermaßen autobiographischen
wie poetologischen Kulturgeschichte der Modellbahn.
Mit Modelleisenbahn, dem zuletzt erschienenen
Buch, schließt sich vorläufig ein Kreis. Denn die private Passion,
ja Obsession, die Spinnen in ihm beschreibt, geht aus den Recherchen hervor,
die er für eine Erzählung seines ersten Buches Dicker Mann
im Meer angestellt hatte eine Recherche, die charakteristisch
für Spinnens erzählerische Methode ist.
In dieser Erzählung (mit dem Titel: Die Modellbahn)
erbt ein junges, frisch verheiratetes Paar von einem alleinstehenden Onkel
ein kleines Reihen-Haus, nebst einer riesengroßen, alle Räume
des ersten Stockwerks einnehmenden Modellbahn-Anlage. Beide sind sich
anfangs einig, daß die Anlage verschwinden muß, denn das Haus
ist klein, und außerdem wollen sie noch Kinder haben. Doch der junge
Mann läßt sich immer mehr vom sperrigen Erbe seines Onkels
faszinieren, und nur zögernd beginnt er damit, einige Lokomotiven
zu verkaufen.
Die Erzählung, wie alle guten Erzählungen,
endet mit einem Fragezeichen: Denn fraglich ist, ob er sich von der Anlage
überhaupt noch wird trennen können. Wahrscheinlicher ist dagegen
schon, daß ihn vorher seine Frau verlassen haben wird ...
So offen der Ausgang der Erzählung, so unbestreitbar
ist, daß die Fakten, ja kleinste Details der beschriebenen Modellbahn
stimmen. Denn Burkhard Spinnen, der ein präziser Beobachter, ein
penibler Beschreibungs-Künstler ist, hat keine Mühen gescheut,
sich durch Besuche in Spielwarengeschäften und Lektüre von Fachzeitschriften
genauestens über Modellbahnen zu informieren. Die Fakten so
sein Credo müssen nämlich stimmen.
Und noch etwas anderes hat er bei seinen Recherchen
gelernt: Er hat gelernt, daß in der Welt der Modelleisenbahner ein
Paradigmenwechsel von den Plattenbauern zu den Modulbahnern
stattgefunden hat. Eine wundersame Koinzidenz! Denn wie letztere
ihre Anlagen zusammensetzen, entspricht ziemlich genau der Methode, wie
er selbst seine Prosa konstruiert. So lag es auf der Hand für ihn,
die eigene Poetologie immer wieder in seine Reflexionen zur Modellbahn
einzuschmuggeln.
Ich zitiere aus einem Text, mit der Bitte an Sie, sich
die modelleisenbahnerischen Begriffe in literarische zu übersetzen:
An die Stelle einer Vorstellung vom Kosmos technisch umschlossener
Welten schreibt Spinnen setzen die Modulbahner, was nach
amerikanischem Vorbild die jeweilige Philosophie der Anlage genannt
wird.
Statt inmitten der Bahn eine Welt zu konstruieren,
gehen sie mit einer sehr differenzierten Vorstellung von einem partiellen
ökonomisch-technischen Prozeß und/oder einer bestimmten Landschaft
an die Konzeption der Module. Im Gegensatz zur (herkömmlichen) Platte
heißen die Leitprinzipien Ausschnitt und begrenzte Funktion.
So konstruiert man eine Schmalspurbahn bestimmter
lokaler Herkunft und läßt sie einige spezifische Stationen
ihrer Verwendung anfahren. Von der Verladestelle eines Steinbruchs zieht
sich die Trasse zum Anschluß an eine Bundesbahn-Station. Dabei werden
bisweilen die spezifischen Bahneinrichtungen und die authentischen Geländestrukturen
mit hoher Sorgfalt rekonstruiert, während fast alles Bahnfremde
ausgeschieden wird.
Es mag Ihnen ungewöhnlich erscheinen, aber mit
dieser für einen Schriftsteller befremdlich wirkenden Passion, dieser
kurios versteckten Poetologie, mit der detailversessenen Beschreibungs-Akribie,
mit diesen Geschichten von Hotelzimmer-Interieurs und Modellbahnen befinden
wir uns mitten im Zentrum von Spinnens Werk.
Die Geschichten, die er erzählt, beginnen in der
Regel harmlos, wie die Geschichte des jungen Paars. Sie spielen in unspektakulären
Milieus, ihre Protagonisten sind typische, meist in der Provinz lebende
Vertreter des mittelständischen Kleinbürgertums. Sie arbeiten
als Versicherungsvertreter, Unternehmensberater, Verwaltungsjuristen,
Büroangestellte, Filialleiter, Bundeswehrsoldaten, sie sind Hausfrauen
oder Familienväter. Kläsner heißen sie, oder Schräder,
Kortschläger, Lüders, Keßböhmer, Brandies, Brennagel,
Kehrstein und Eickmans.
Biedermänner sind sie, gewöhnliche Durchschnittsmenschen.
Sie führen ein Leben in akuter Normalität, ein Leben
am Abgrund der Alltäglichkeit. Alle haben sie sich in
ihren unhinterfragten Routinen eingerichtet, bis ja, bis ein unvorhergesehenes
Ereignis, eine Irritation, eine kleine Verschiebung ihr Leben aus dem
Gleis bringt und in Chaos, manchmal auch in einer Katastrophe endet.
Meybom etwa, aus dem Erzählungsband Kalte Ente:
Meybom freut sich auf einen ruhigen Samstagnachmittag. Als er von seinen
Einkäufen nach Hause kommt, steht eine Frau vor der Tür: Ute,
seine ehemalige Freundin, die er mehr als zehn Jahre nicht gesehen hat.
Sie hat ein kleines Kind im Arm und bittet ihn, hereinkommen zu dürfen.
Ohne irgendetwas zu erklären, richtet sie sich wie selbstverständlich
bei ihm ein.
Später, am Abend, während des gemeinsamen
Essens, klingelt es an der Tür. Ute versucht zu verhindern, daß
Meybom die Tür öffnet. Nach dem zweiten Klingeln öffnet
er sie schließlich doch. Vor ihm, Gewehre im Anschlag, stehen Polizisten.
Das Kind, stellt sich heraus, ist entführt worden. Widerstandslos
läßt Meybom sich abführen ...
Oder Dombeck, aus dem selben Band: Eines Tages, auf
der Heimfahrt von der Arbeit, glaubt er zu entdecken, das der Pfeiler
einer Brücke, die er täglich überquert, ein bißchen
schief steht. Seine Befürchtung wird zur Obsession. Die Vorstellung,
die Brücke könne einstürzen und er könne es möglicherweise
verhindern, läßt ihm keine Ruhe mehr. Anstatt das zuständige
Brückenaufsichtsamt zu informieren, kauft er sich eine große
Wasserwaage, mit der er schließlich in einer halsbrecherischen,
lebensgefährlichen Aktion den Pfeiler auszumessen versucht. Auch
ihn, den unbescholtenen Bürger, überrascht dabei die Polizei.
Ausschnitt und begrenzte Funktion
das ist, wie erwähnt, das erzählerische Konstruktionsprinzip.
Ironisch, distanziert ist der Blick, den Spinnen auf die Katastrophen
und Verstörungen wirft; der strenge, geradezu analytische, gleichzeitig
humoristische, seinen Figuren allerdings nie Sympathie und Respekt versagende
Blick eines Voyeurs.
Dieses Interesse für den sogenannten Durchschnittsmenschen
ist zur Zeit in der deutschsprachigen Literatur ziemlich singulär.
Allenfalls fallen einem noch Uli Becker ein, mit seinem Buch Alles
kurz und klein, oder Wilhelm Genazinos Abschaffel, eine Roman-Trilogie
über einen Angestellten. Archäologen der zeitgenössischen
Alltagswelt, wie Spinnen, sind Becker und Genazino an der erzählenden
Beschreibung des Unauffälligen, Unscheinbaren, der feinen Nuancierungen
unseres Lebens interessiert.
Spinnens größter literarischer Geistesverwandter
ist allerdings ein Amerikaner: der Schriftsteller Nicholson Baker. Howie,
der Protagonist in dessen Roman Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge,
ist sozusagen ein Bruder Ulrich Lofarts. Dem Werk Bakers hat Spinnen deshalb
einen Essay gewidmet, der ebenfalls eine Poetologie in eigener Sache ist.
Was er darin zu Howie anmerkt, trifft auch auf Ulrich Lofart zu: die Ereignisloskeit
seines Lebens, sein diffuser Charakter, die Mittelmäßigkeit,
die Banalität seiner Gedanken, sein detailversessenes Interesse an
alltäglichen und profanen Dingen.
Lofart also, der Protagonist von Langer Samstag:
37 Jahre ist er alt, alleinstehend, von Beruf Verwaltungsjurist, auch
er ein Mann ohne besondere Ei-genschaften. Die Geschichte von der Verortung
fremder Hotelzimmer erzählt er übrigens Dorothee, einer jungen
Unternehmensberaterin, die er kurz vorher kennengelernt hat in
einem Supermarkt, dem Allerheiligsten der kapitalistischen Warenwelt.
Und wieder ist es eine Verstörung, mit der alles
beginnt: Der Supermarkt, in dem Lofart regelmäßig einkauft,
wird nämlich umgebaut. Nichts steht mehr da, wo es immer gestanden
hatte, die Ordnung der Waren ist völlig auf den Kopf gestellt. Lofart
ist irritiert, nur mühsam findet er sich zurecht.
Als er schließlich die Abteilungen für Toilette-
und Gebrauchsartikel gefunden hat, deckt er sich mit Zahnpasta, Rasiercreme,
Toilettenpapier, Seife, Schampoo, Mülltüten, Glühbirnen,
Heftpflastern, Nähnadeln, Heftzwecken, Photo-Klebe-Ecken und Wegwerffeuerzeugen
ein.
Mit seinem gefüllten Einkaufswagen irrt er weiter
durch die Gänge. Die Irritation, die von der neuen, von ihm als Chaos
empfundenen Ordnung ausgeht, korrespondiert jäh mit einer anderen:
Lofart, der sich jahrelang in seinem Single-Dasein eingerichtet hatte,
erblickt bezeichnenderweise an der Fleisch- und Käsetheke eine Frau,
die im gefällt eine Ware unter anderen Waren.
Wie er sie in einer plötzlichen Eingebung nun
anspricht so profan, so geheimnislos , das hat meines Wissens
noch keiner derart tragikomisch erzählt wie Burkhard Spinnen, ich
zitiere: Lofart ließ den Wagen an der Ecke des Mittelgangs
stehen und ging langsam auf die Frau zu. Dann wandte er sich zu den Regalen,
stützte die Hände in die Seiten und zog laut den Atem ein. Komm,
Inspiration, sagte er, daß die Frau ihn hören mußte,
sag mir, was es heut abend zu essen gibt! Dann sah er zur
Seite und lächelte. Miracoli, sagte die Frau, ohne den
Blick vom Regal zu nehmen ... Ende des Zitats.
Miracoli, der Markenname für eine italienische
Nudelsorte, wird zum Schlüsselwort für die beginnende Liebesbeziehung.
Diese Schlüsselszene im Supermarkt ist typisch für Spinnens Kunst. Es gelingt ihm darin nämlich, was das schwerste ist: mit einem Blick, der wie durch ein Mikroskop die Oberflächen abtastet, unvergleichliche Psychogramme zu entwerfen. Will sagen: seine Figuren nicht durch Psychologie zu charakterisieren, sondern durch ihr Verhältnis zur gegenständlichen Umwelt, also zu dem, was sie kaufen, was sie konsumieren, die Art und Weise, wie sie sich kleiden, welche Accessoires sie benutzen. Dinge gibt es, die sagen schier alles.
Das Unsägliche sagbar machen zu können,
das hatte Spinnen an Nicholson Bakers Kunst gelobt. Denn Bakers Texte,
so Spinnen in seinem Essay, öffnen eine Schleuse, hinter der
sich bislang gewaltig gestaut hat, was für das sogenannte Alltagsleben
der zeitgenössischen Menschen von hervorragender Bedeutung, für
die Literatur aber ein Tabu war.
Dieses Tabu in der deutschsprachigen Literatur gebrochen
zu haben, ist nicht das geringste Verdienst von Burkhard Spinnen. Mit
seinen Büchern, in denen er die Erzählbarkeit des Alltäglichen
bis an die Grenzen des Sagbaren erkundet, hat er sich den Rang eines großen
Soziologen der bundesrepublikanischen Alltagswelt erschrieben.