Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Enzyklopädie der Wahrscheinlichkeit
Visconde de Lascano Teguis Familienalbum
mit Bildnissen von Unbekannten
Von Norbert Wehr

Man wäre zu gern dabei gewesen, in der Pizzeria ‚La nuova Stella di Posillipo‘, als am 17. September 1927 von der Zeitschrift Martín Fierro ein Bankett zu Ehren des mexikanischen Schriftstellers Alfonso Reyes ausgerichtet wurde, der als Botschafter nach Buenos Aires gekommen war. Man hätte zu gern erlebt, wie während des Essens zwei Autoren der Zeitschrift auftraten, der eine – angeblich – mit einem dadaistischen Vortrag, der andere mit einer von Kinderrasseln begleiteten lyrischen Tirade.
    Der eine, der jüngere von beiden, hieß Jorge Luis Borges; er sollte Argentiniens berühmtester Schriftsteller werden, ein Klassiker schon zu Lebzeiten. Der andere nannte sich Vizconde de Lascano Tegui. Wie Borges, war er ein sprachmächtiger Zauberer, ein Illusions-Künstler von Gnaden. Er brachte es nur zu dem traurigen Ruhm, unter den besten Schriftstellern des Landes der Unbekannteste zu sein.
    Seine Bücher, seine geheimnisumwitterte Biographie, sie sind jedenfalls aus dem Stoff, aus dem auch die Erzählungen von Borges sind. Er war eine ominöse, eine exzentrische Figur, dieser falsche Graf – ein rätselhaftes Genie. Er liebte die literarische Mystifikation, das Versteckspiel, und er tarnte sich hinter verschiedenen Maskeraden: hinter denen des Dandy und des Diplomaten ...
    Er wurde, soviel scheint festzustehen, 1887 als Emilio Lascanótegui in Concepción del Uruguay geboren, sein Vater war Argentinier baskischer Abstammung, seine Mutter stammte aus Uruguay. Seine Kindheit verbrachte er in San Telmo, dem ältesten Viertel von Buenos Aires. Er studierte Jura, unternahm 1908/09 eine lange Reise durch Europa und Nordafrika, arbeitete als Übersetzer und Journalist und engagierte sich als Redner für die Partido Radical.
    Als er 1914 nach Frankreich ging, hatte er zwei Gedichtbände veröffentlicht, Bände in der Tradition von Baudelaire, Lautreamont, Rimbaud und Verlaine. In Paris studierte er Zahntechnik, arbeitete als Zahn-Chirurg und schrieb Reportagen und Feuilletons für argentinische Zeitungen. 1923 trat er in den diplomatischen Dienst seines Landes ein. 1936 verließ er Frankreich, um bis 1944 die Konsulate in Caracas und Los Angeles zu leiten. Zurück in Argentinien, schrieb er für ein Comic-Magazin. Als er 1966 in Buenos Aires starb, hinterließ er 12 Bücher, zahllose Artikel und einen großen, ungedruckten, mittlerweile verschollenen Nachlaß.
    All dies scheint festzustehen, wenn ... ja, wenn man den Recherchen Dietrich Lückoffs, eines in Brüssel lebenden Literaturkritikers und Larbaud-Kenners, Glauben schenken will. Lückoff hatte sich nämlich auf die Spur des Autors gesetzt, nachdem Von der Anmut im Schlafe, ein frühes, 1924 in Paris erschienenes „Intimes Tagebuch“, auf dem Umweg über Frankreich 1995 auch in Deutschland mit großem Erfolg wiederentdeckt worden war.
    Dessen Übersetzer Walter Boehlich hatte in seinem Nachwort nur spärliche Angaben über den Verfasser machen können. Man konnte danach nicht sicher sein, ob man nicht einem genialischen Fake aufgesessen war. Tegui, stellte sich heraus, war ein Autor, der, wenn schon nicht erfunden, so doch völlig vergessen worden war, von dem bis dahin keine anderen Bücher bekannt waren. Beim Blick in Literaturgeschichten: Fehlanzeige. Ein Schriftsteller namens Tegui – unbekannt!
    Lückoffs Recherchen, erstmals in der 49. Ausgabe des Schreibhefts publiziert, brachten erstaunliche Entdeckungen über dieses Phantom zutage: Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays, u.a. auch Album de familia. Con retratos de desconocidos, einen in Paris entstandenen und 1936 in Buenos Aires erschienenen Roman. Als Familienalbum mit Bildnissen von Unbekannten ist er jetzt von Christian Hansen ins Deutsche übersetzt worden.
    Er erzählt eine rätselhafte, raffiniert konstruierte Geschichte, die unterstreicht, welch ungewöhnlicher Autor hier dem Vergessen entrissen wird: Der Versicherungsinspektor Michael Bingham, der am 8. Juni des Jahres 1900 als einer von wenigen Passagieren ein Eisenbahnunglück im französischen Abbeville überlebt, wird von seiner Gesellschaft damit beauftragt, die Lebensläufe einiger Unfallopfer zu rekonstruieren, um eine Art Lebenserwartungskoeffizienten zu ermitteln.
    Einundzwanzig Jahre arbeitet Bingham an diesem Bericht, seiner, wie er es nennt, „Enzyklopädie der Wahrscheinlichkeit“, besessen von der fixen Idee, in den Familiengeschichten der Opfer Hinweise auf deren Prädestination für den Unfalltod zu finden. Er verirrt sich dabei zusehends in ein weit verzweigtes genealogisches Labyrinth, in dem sich Fakten immer mehr in Fiktionen, immer mehr in ein Gespinst aus Phantasie und Legenden verwandeln.
    Als er seinen Bericht schließlich abgeben will, muß er feststellen, daß es seine Versicherungs-Gesellschaft längst nicht mehr gibt. Sie hatte, wie er erfährt, bereits vor vielen Jahren Konkurs anmelden müssen. Bingham wird verrückt, ihm fällt der Bericht, das Ergebnis einundzwanzig qualvoller Jahre, auf einer Londoner Straße aus den Händen. Einem zufällig anwesenden Zeugen – dem Autor, der ein junger, angehender Schriftsteller ist –, gelingt es in allerletzter Sekunde, einige vom Wind bedrohte Dossiers zu retten.
    Diese Dossiers enthalten die vermeintlichen, zum Teil weit zurückreichenden Familiengeschichten von sechs Opfern – englischen, jüdischen, flämischen, bretonischen, französischen und italienischen Männern, die mit Bingham im selben Abteil gesessen hatten. Doch Daten, Fakten, gesicherte Erkenntnisse über sie und ihre Vorfahren gibt es kaum, alles ist weitgehend erfunden, der delirierenden Phantasie Binghams entsprungen: absonderliche Geschichten und Anekdoten, voller Mythen und Schauermärchen; ein Pandämonium des Kuriosen, Skurrilen, Paradoxen, Grotesken und Bizarren – völlig wertlos für die Interessen einer Versicherung.
    Wertvoller sind dagegen die kritischen Erkenntnisse, die Bingham über die völkischen und rassistischen Ideologien seiner Zeit gewonnen hatte: Genealogien lügen, bilanziert er, „Adel“ und „Reinrassigkeit“ gibt es nicht, denn alle Menschen sind letztlich mit allen verwandt und verbrüdert: „Einzig die Genealogie Kains“, heißt es am Schluß, „ist klar ersichtlich, weil sie falsch ist. Alle anderen versinken augenblicklich in der Nacht und im Nichts. Sowenig es Reinrassigkeit gibt, sowenig gibt es Adel, der diesen Namen verdient. Er ist ein Spielball des Zufalls. ... Das heißt, daß es keine Genealogie gibt und alle unsere Verwandten zugleich die Verwandten all der anderen Söhne Simeons oder Sauls sind; daß uns der Name, den wir tragen, nicht gehört, und daß, wer sich mit seinem Namen brüstet, vor der Nachwelt doch nichts anderes ist als ein rotes Blutkörperchen ohne eigene Individualität ...“
    1936, Buenos Aires: Wieder ist es ein Bankett, diesmal zu Ehren Lascano Teguis, anläßlich seines gerade erschienenen Album de familia. Die Schriftstellerin Norah Lange hielt eine Rede – nicht dadaistisch, und ohne Kinderrasseln –, eine Rede, in der sie hellsichtig erkannte, was Teguis Absicht gewesen war: vermittels einer Geschichte, die in England spielt, die Frage nach der Identität des jungen Argentinien zu stellen, einem Land voller Einwanderer, und ihm – satirisch – seine rassistischen Ideologien vorzuhalten.
    Auch bei diesem – diesmal ernsteren – Bankett wäre man wieder gern dabei gewesen. Man hätte Norah Langes Rede beigepflichtet und hätte Tegui zu seinem Roman beglückwünscht ... wenn, ja, wenn es ihn tatsächlich gegeben haben sollte, diesen falschen Grafen ...