Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Das totale Exil
Bora Cosics Zollerklärung
Von Norbert Wehr

Bora Cosic war sechzig Jahre alt, als die Balkan-Kriege ihn zwangen, sein Land, vor allem aber seine geliebte Stadt zu verlassen, in der er seit dem fünften Lebensjahr gelebt, in der er die Schule besucht, studiert, als Redakteur gearbeitet, in der er nahezu 30 Bücher, in der er seine „Enzyklopädie des mitteleuropäischen Kontinents“ geschrieben hatte.
   Jugoslawien, sein Land, Belgrad, seine Stadt – hier hatte er mehr als ein halbes Jahrhundert gelebt, hier war er zum Zeugen von Zweitem Weltkrieg, den Luftangriffen der Deutschen, von Aufstieg und Fall des Tito-Sozialismus, vom Ende der jugoslawischen Idee, zum Zeugen schließlich eines verbrecherischen Nationalismus geworden.
   Sechzig Jahre war er alt, als er kurz nach dem Ausbruch der Kriege ins Exil ging – in ein „freiwilliges“ Exil, wie viele andere serbische Intellektuelle auch. Denn er ging nicht, weil er unmittelbar bedroht oder verfolgt worden wäre, er ging aus Protest und aus Ekel, er ging aus „Gründen der Nervosität“. „Ich war“, hat er erklärt, „ich war viel zu nervös, um in diesem Land unter solch einem Regime weiterleben zu können.“
   1995 ermöglichte ihm ein DAAD-Stipendium, nach Berlin zu gehen. In Belgrad ließ er eine Wohnung samt großer Bibliothek zurück. Doch das, was zunächst nur ein befristeter Weggang sein sollte, wurde ein endgültiger Abschied. Denn Cosic blieb in Berlin – und er bleibt dort, obwohl seine Bücher wieder in Belgrad erscheinen können, er bleibt dort trotz serbischer Demokratiebewegung, trotz eines neuen Präsidenten und trotz Milosevics Inhaftierung. Cosic – er hat sich fürs dauerhafte Exil entschieden. Die Belgrader Wohnung hat er mittlerweile aufgelöst, er lebt heute mit seiner Frau in Charlottenburg.
   Von einer Wohnung in Belgrad, einer Bibliothek, von einem Umzug, von einer Wohnung in Berlin und vom Exil, davon handelt auch sein neues Buch. Es heißt Die Zollerklärung, und es hat eine Vorgeschichte, die so grotesk ist, daß sie wie eine Erfindung aus Cosics frühen, verrückten Büchern wirkt, wäre sie nicht wirklich wahr. Denn um seine in Belgrad gebliebenen Bücher nach Berlin ausführen zu dürfen, mußte Cosic jeden einzelnen Titel genauestens deklarieren. Und da er – als unerwünschte Person – deshalb nicht nach Belgrad fahren konnte, mußte er dieses Verzeichnis aus dem Gedächtnis anfertigen ...
   Die Liste, die nun der Erzähler seines Buchs im Traum anlegt, geht allerdings weit über den Bestand seiner Bibliothek, d.h. seines mit Lektüre verbrachten Lebens hinaus. Der Erzähler – ein Intellektueller, der unverkennbar Ähnlichkeiten mit dem leibhaftigen Cosic hat – deklariert nämlich seine ganze Biographie, und zwar an einer Art existentiellen Zollstation, die sich auf der Grenze zwischen Ost und West, auf der Grenze zweier Systeme, auf der Grenze zwischen Krieg und Frieden, zwischen Heimat und Exil, zwischen zwei Sprachen, zwischen Jugend und Alter sowie zwischen Leben und Tod befindet.
   Er deklariert sein Leben in Form einer radikalen Selbstbefragung: Was möchte, was muß ich unbedingt mitnehmen? Welche Gegenstände, außer den Büchern? Welche Menschen? Was lohnt sich, erinnert zu werden, was nicht? Und was ist mit Dingen, mit Eigenschaften, die man nicht besitzt, die sich nicht mitnehmen lassen? Der Zeit etwa, die man verschlafen hat, dem Gefühl der Leere während der Jugend, dem Nichtstun?
   Das Ergebnis – am Ende eines schrecklichen Jahrhunderts, während neuer Kriege und am Ende eines individuellen Lebens – ist desillusionierend. Denn es gibt nichts, glaubt er, was die Mitnahme wirklich lohnt. „Das Menschenleben“, so seine Bilanz „ist eine Deponie, eine Ansammlung abgenutzter und kaputter Dinge, die, auch schon bevor sie diese verachtenswerte Form angenommen haben, eine Anhäufung von Unbrauchbarem darstellten, einen Müllberg des Daseins.“
   Für seine existentielle Zollerklärung bleibt ihm schließlich nur, die leergeräumte, von allen Spuren beseitigte Wohnung in Belgrad zu beschreiben. Denn sie existiert. Das ist sicher. Und dorthinein, in dieses „Magazin des Nichts“, imaginiert er einen Doppelgänger. Dieses Double ist „Bediensteter seines Weggangs“, ein „Kustos der Leere“, der in der verlassenen Wohnung herumgeistert, um zu inspizieren, ob die Dinge, die nicht mehr da ist, immerhin an ihrem Platz stehen. Stellvertretend läßt er ihn erleben, läßt er ihn verstehen, was er selbst dort täte, wäre er geblieben ... Und er versteht, daß es Gründe gab zu gehen. Denn vor der Wohnung, sogar vor der leeren Wohnung, stehen noch immer Menschen, Schlag-Stangen in der Hand, im Begriff, sich gewaltsamen Einlaß zu verschaffen.
   Er wollte, hat Cosic im Gespräch erklärt, ein Buch über das zu Ende gedachte Exil schreiben, d.h. ein Buch über das „totale Exil“. – Er, der früher ein Ironiker war, der Autor übermütiger Travestien, hat ein Buch von großem Ernst, ein geradezu verzweifeltes Buch geschrieben. Es ist ein Alterswerk, ein pessimistisches Vermächtnis geworden. Ein Buch, nach dessen Lektüre man versteht, warum Cosic nicht mehr nach Serbien zurückkehren kann.