Reise ins Vorzimmer der
Hölle
Briefe und erste Schriften von Louis-Ferdinand Céline
Von Norbert Wehr
Mit der R.M.S. Accra, einem Postdampfer der British and African Steam Navigation Company, verläßt
Louis Destouches am 10. Mai 1916 den Hafen von Liverpool, im Gepäck
einen Zweijahresvertrag der Compagnie Forestière Sangha Oubangui, einer in Paris ansässigen Handelsgesellschaft. Ziel des Dampfers
ist Duala, eine Stadt an der Küste Kameruns, einer ehemals deutschen
Kolonie, die Anfang 1916 von Frankreich besetzt worden war. Destouches´
Auftrag: Er soll eine Kakao-Pflanzung in Bikobimbo beaufsichtigen, anschließend
eine Plantage in Dipikar leiten.
Louis Destouches ist zweiundzwanzig Jahre alt. Vor
dem Krieg hatte er in Paris ein Medizinstudium begonnen, war kurz nach
Ausbruch des Krieges schwer verwundet, nach einem dreimonatigen Genesungsurlaub
in die Paßabteilung des französischen Generalkonsulats in London
beordert und im September 1915 wegen Dienstuntauglichkeit ausgemustert
worden. Er ist froh, dem Schlachthof des Ersten Weltkriegs entkommen zu
sein, und er bricht in der Hoffnung nach Kamerun auf, mit dem dort verdienten
Geld in die Vereinigten Staaten von Amerika gehen zu können.
Er bleibt nur knapp ein Jahr. Seinen Eltern, seiner
Jugendfreundin Simone Saintu und Albert Milon, einem Freund, den er im
Krankenhaus kennengelernt hatte, schreibt er zahlreiche Postkarten und
Briefe; er schreibt Gedichte, und auf der Rückfahrt eine Erzählung.
Diese Erzählung, die Briefe und Gedichte sind die ersten schriftlichen
Zeugnisse eines jungen Mannes, der sich später, als Schriftsteller,
Louis-Ferdinand Céline nennen sollte. Er sollte berühmt werden
wegen seiner Romane Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit
und berüchtigt wegen der Judenverschwörung in
Frankreich, einem antisemitischen Pamphlet.
Nach den Erlebnissen im Schützengraben ist der
Aufenthalt in Afrika die zweite traumatische Erfahrung des jungen Mannes
eine Erfahrung, die seinem Pessimismus, seinem nihilistischen Menschenbild
weitere Nahrung liefert. Europas Schlachtfeld entronnen, erlebt er in
Kamerun, wie sich der Krieg in Form einer brutalen, ausbeuterischen Kolonialherrschaft
mit andern Mitteln fortsetzt. (Später sollte er in fiktionalisierter
Form immer wieder von dieser Episode erzählen, am ausführlichsten
und überzeugendsten in seinem 1932 erschienenen Roman Reise ans
Ende der Nacht.)
Es ist ein frühreifer Desillusionist,
der Eltern und Freunden von seinen Krankheiten, den sozialen, klimatischen
und hygienischen Bedingungen in Afrika, von seiner Arbeit, seinen medizinischen
Forschungen, seinen Lektüren, von seinen Ansichten über die
Liebe und von seinen Lebensplänen berichtet. Und obwohl die Briefe
noch wenig von den stilistischen Eigenheiten, vom sprachmächtigen
Furor des späteren Schriftstellers Céline besitzen, lassen
sie schon gewisse Muster und Obsessionen erkennen: die aggressive Zivilisationskritik,
den Hang zu grotesken Übertreibungen oder den Duktus wörtlicher
Rede. Nichts schreibt er, gerade angekommen, an seine
Freundin Simone nichts ist ebenso unattraktiv wie eine afrikanische
Stadt ekelerregend ungesund, gräßlich heiß, feucht
Vorzimmer zur Hölle.
Das ist der Ton, den er auch in folgenden Briefen anschlägt,
wenn er etwa über die tötliche Hitze und die Moskitos klagt,
wenn er die Kolonialherrn als traurige Wracks, die einheimischen
Schwarzen als Menschenfresser beschreibt, wenn er, anläßlich
der Nachrichten von gefallenen Freunden, mit zynischem Fatalismus die
kriegerischen Ereignisse in Europa kommentiert.
Zweiundzwanzig ist er, und er hat die Haltung eines
Mannes, der die Welt schon kennt, der keinen Illusionen mehr nachhängt,
der sich von nichts und niemanden mehr täuschen läßt,
der bereit ist, die Reise ins Zentrum der Hölle fortzusetzen. Ich
brauchte diese große Prüfung, schreibt er, um Meinesgleichen,
gegen die ich große Zweifel hege, von Grund auf zu erkennen.
Sein Nihilismus, der abgrundtiefe Zweifel an Seinesgleichen,
hindert ihn allerdings nicht, sich zärtlich um das Wohlergehen seiner
Eltern und Freunde zu sorgen und mit privaten Mitteln eine kleine Krankenstation
einzurichten, ohne von seiner Campagnie dazu beauftragt worden zu sein.
Lange Listen schickt er seinem Vater, mit der Bitte, ihm die notwendigsten
Instrumente und Medikamente zu schicken, um die an Malaria und Schlafkrankheit
leidenden Eingeborenen notdürftig versorgen zu können.
Er selbst wird das Opfer von Spätfolgen seiner
Kriegs-Verletzung. Sie zwingen ihn, seinen Vertrag vorzeitig aufzulösen
und nach Frankreich zurückzukehren. Schwer krank, schreibt er auf
dem Schiff seine Erzählung Wellen, am 1. Mai 1917 geht er
in Liverpool von Bord. Seinen Wunsch, mit dem in Afrika verdienten Geld
nach Amerika zu fahren, kann er sich (noch) nicht erfüllen.
Anders Bardamu, sein fiktives alter-ego in der Reise
ans Ende der Nacht: Er, der ebenfalls als Handelsvertreter in Afrika
arbeitet, kommt zwar nach Amerika allerdings auf unfreiwillige
(und groteske) Art und Weise. Totkrank wird er von Eingeborenen auf eine
Galeere verschachert, und er wacht von seinen Fieberphantasien erst wieder
auf, als das Schiff den Hafen von New York erreicht ...
Briefe und erste Schriften aus Afrika ist der
dritte Céline-Titel, den der kleine Merlin-Verlag vorlegt. Er focussiert
mit ihm den Blick auf eine biographische Station, die Célines Menschenbild
entscheidend prägte und zum Stoff für seinen großen Roman
wurde. Es ist nicht das geringste Verdienst des Bandes, das Leben und
Werk eines Schriftstellers, der so viel Bewunderung und Haß auf
sich zog, besser verstehen zu können.