Erfundene Biographie
Raymond Federmans Roman Take it or Leave it
Von Norbert Wehr
Raymond Federman, der amerikanische, in Paris geborene
Schriftsteller jüdischer Abstammung, verdankt sein Leben und sein
Werk einer spontanen, unwillkürlichen Geste: Als am frühen Morgen
des 16. Juli 1942 französische Polizei und deutsche Gestapo in die
elterliche Wohnung eindringen, stößt ihn seine Mutter in einen
Schrank.
14 Jahre war er damals alt. Warum sie ihn, den Jüngsten,
und nicht seine beiden Schwestern versteckte das ist die Frage,
die ihn seither umtreibt. Warum sollte, warum mußte ausgerechnet
er, der Hilfloseste, als einziges Familienmitglied der Deportation und
Vernichtung entgehen?
Die unverstandene, nie begriffene Geste seiner Mutter wurde
für ihn zum Fluch und zum Geschenk, der Schrank zum Sarg und zur
Gebärmutter, zum Symbol für Tot und Wiedergeburt. Ich
erhielt, berichtete er später, eine unglaubliche Anzahl
von Bildern, von Symbolen, von Metaphern. Meine Mutter gab mir einen Roman,
sie gab mir noch einen Roman, sie gab mir Arbeit für mein ganzes
Leben. Die Mutter hinterließ ihrem Sohn einen Lebensroman,
der sich nicht besser hätte erfinden lassen können.
Raymond Federman ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Und
obwohl er sieben Romane, mehrere Gedicht-, Erzähl- und Essay-Bände
publiziert hat, ist die Arbeit, die ihm seine Mutter aufbürdete,
bis heute unvollendet, sind seine Fragen unbeantwortet geblieben.
Als Thema (und erzählerische Methode) ist die Schrank-Erfahrung
allen seinen Büchern eingeschrieben. In immer neuen Ansätzen,
Versionen und Variationen, mit immer neuen Spekulationen und Fiktionalisierungen
umkreist er in ihnen dies zentrale, unaussprechliche Ereignis seines Lebens,
frei nach dem Motto Louis-Ferdinand Célines, daß eine Biographie
etwas nachträglich Erfundenes sei. Die Stimme im Schrank, Alles
oder Nichts sowie das jetzt deutsch übersetzte Take it or
Leave it sind die kuriosesten, experimentellsten, die ergreifendsten
unter ihnen.
Take it or Leave it, 1976 in Amerika erschienen, wie
Alles oder Nichts ein typographischer Roman, erzählt einmal
mehr von dieser Erfahrung, oder genauer: von den Folgen, die sie für
das weitere Leben Federmans hatte. Der war, glaubt man seinen Auskünften,
1947 nach Amerika emigriert, hatte sich in Detroit und New York mit Gelegenheitsjobs
durchgeschlagen, bis er schließlich im Jahr 1951 zur Armee eingezogen
wurde. In der 82. Airborne Division tat er als Fallschirmspringer seinen
Dienst.
Vordergründig erzählt der Roman von den tragikomischen
Abenteuern des Soldaten während dieser Zeit. Doch auch nur
vordergründig! Alles ist nämlich viel komplizierter: Denn zum
einen erzählt die Geschichte ein Erzähler aus zweiter Hand,
einer, der dem Protagonisten nur seine Stimme leiht. Ein Doppelgänger
taucht noch auf, und ein Autor, der die Zukunft der Geschichte bereits
kennt, obwohl er eine der handelnden Figuren ist. Zum anderen bleibt die
Geschichte, die eigentlich erzählt werden soll, letztlich unerzählt.
Das Ergebnis ist ein playgiatorisches, burleskes Verwirrspiel,
in dem sich Fakt und Fiktion ununterscheidbar vermischen, ein Buch, das
sich am Ende selbst auslöscht.
Ursprünglich wollte Federman oder der Protagonist,
oder dessen Erzäh ler? ein road movie schreiben, eine Entdeckungsreise
als phallischen Eroberungsversuch Amerikas, seiner zweiten Gebärmutter,
die ihm eine neue Identität und Sprache geschenkt hatte. Doch die
Reise, die Eroberung, von der erzählt werden soll, endet schon, bevor
sie überhaupt begonnen hat. Der Soldat, der 30 Tage Urlaub erhält,
bevor er sich in San Francisco für einen Einsatz im Korea-Krieg einschiffen
muß, kommt aufgrund widriger Umstände nicht zu seinem Sold,
mit dem er die Reise bezahlen will.
Und genauso widrig wie die erzählten Abenteuer sind
die Widrigkeiten des Erzählens. Umwege, Abschweifungen und Rückblenden,
Wiederholungen und Selbstreflexionen schieben den Fortlauf der Geschichte
ständig auf. Die delirierende, bisweilen obszöne, Célines
Argot nachempfundene Sprache und die typographischen Wucherungen des Schriftbilds
tun ihr übriges, immer wieder vom Zentrum abzulenken.
Doch gerade dadurch drängt sich umso schmerzlicher auf,
was die Ablenkungsmanöver scheinbar vermeiden sollen: Das Abwesende,
das nicht erzählte und nicht erzählbare Ereignis, das Erlebnis
im Schrank.