Galeerenarbeit,
Endlosschleife
Fiasko, Imre Kertész Mythos von Sisyphos
Von Norbert Wehr
Im August 1973, drei Monate, nachdem er seinen Roman eines Schicksallosen
beendet hat, Monate der Erschöpfung, des Zweifels, der Suche nach
einem neuen Stoff, notiert der 44jährige Imre Kertész in sein
Galeerentagebuch: Denke ich an einen neuen Roman, denke ich
wieder nur an Auschwitz. Ganz gleich, woran ich denke, immer denke ich
an Auschwitz. Auch wenn ich scheinbar von etwas ganz anderem spreche,
spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz,
Auschwitz spricht aus mir.
Alle Bücher, die er in den folgenden Jahren schreiben
wird nach immer neuen Häutungen und in ständig wechselnden,
erfundenen Identitäten entstehen in diesem Geist von
Auschwitz: Romane, Erzählungen, Tagebuchromane und Essays,
quälende, erschütternde, ja skandalöse Bücher.
Auschwitz, es bleibt Kertész einziges, obsessives Thema,
und alle Bücher ein und derselbe Roman, der Roman seines Lebens.
Ende August 1973, kurz nach dem Eintrag ins Tagebuch,
wird der Roman eines Schicksallosen abgelehnt. Die künstlerische
Gestaltung des Erlebnismaterials sei nicht gelungen, heißt
es im Gutachten des Verlags; der Roman beleidige das moralische Empfinden
der Leser. Er sei, soll das heißen, mit der Doktrin einer sozialistischen
Holocaust-Literatur nicht vereinbar. Es dauert zwei Jahre, bis er überraschend
doch noch publiziert wird, um den Preis jedoch, jahrelang von der Kritik
totgeschwiegen werden.
1978 beginnt Kertész schließlich mit seinem
zweiten Roman. Am 7. September 1979, als sich die Vorstellungen von diesem
Roman konkretisiert haben, notiert er, wiederum ins Tagebuch: Der
Alte stand vor dem Sekretär. Das scheint bereits endgültig
zu sein. Ich weiß nicht, wie ich mich dort wieder hinauswinde. Doch
steht meine Entscheidung was den Roman betrifft so fest,
daß sie mir tatsächlich wie ein äußerer Befehl erscheint;
sie macht mich vollkommen unabhängig von der kleinlichen Angst, Zerbrechlichkeit
und Unsicherheit, die ich bin.
Fiasko so wird er heißen
entsteht in zehnjähriger Fronarbeit. Er knüpft auf vertrackte
Weise an den Roman eines Schicksallosen an: Er erzählt nämlich
vom Vor- und Nachher dieses Romans und bildet einerseits eine Klammer.
Und er hat, andererseits, wie sein Vorgänger eine kreisförmige
Struktur. Dadurch schlägt er einen zusätzlichen Kreis um beide,
mit dem Ergebnis, daß sie zusammen eine Art Endlosschleife bilden.
Kertész Zwang, immerzu von Auschwitz sprechen zu müssen,
drückt so auch der Struktur der Romane bzw. ihrer Verschränkung
seinen Stempel auf.
Fiasko, seinerseits, besteht aus zwei Teilen,
einem sachlichen, in kreiselnden Sätzen geschriebenen Prolog und
einem Roman mit dem Titel Fiasko, der seine Vorbilder, Kafkas Der
Prozeß und Camus Der Fremde, weder stilistisch
noch atmosphärisch zu leugnen versucht. Protagonist des ersten, während
der siebziger Jahre spielenden Teils ist der Alte, Autor eines
erst abgelehnten, dann doch erschienenen, aber lange Zeit totgeschwiegenen
Romans über Auschwitz. Vor seinem Sekretär stehend wie
Sisyphos am Fuß des Bergs und seine Aufzeichnungen wiederlesend,
denkt er über einen neuen Roman nach. Die Figur, die er schließlich
erfindet, trägt den bezeichnenden Namen Steinig. Ihr
lastet er, ein weiteres Mal, seine Erfahrungen auf. Dieser Steinig beginnt
am Ende einen Roman zu schreiben: den Roman eines Schicksallosen ...
Am Ende dieses Romans war der Erzähler, ein
jüdischer Jugendlicher, der Auschwitz und Buchenwald überlebt
hatte, nach Budapest zurückgekehrt. Er hatte als erstes die Wohnung
seiner Eltern aufgesucht und feststellen müssen, daß sie von
Fremden bewohnt wurde. Er hatte daraufhin bei Nachbarn geklingelt. Von
ihnen hatte er erfahren, daß der Vater tot war, gestorben in Mauthausen,
Mutter und Stiefmutter aber noch am Leben waren. Die Nachbarn hatten ihm
Fragen gestellt, lästige, verständnislose und unverständliche
Fragen.
Der Sohn hatte sich danach zu seiner Mutter aufgemacht.
Auf dem Weg zu ihr hatte er in Gedanken einen Satz, einen ungeheuerlichen
Satz formuliert, der in komprimierter Form seine Erfahrung enthielt
ein Satz, mit dem das Buch endete: Denn sogar dort, so die
Erfahrung des Jungen, dort bei den Schornsteinen, gab es in der
Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnelte. Alle
fragen mich nur nach Übeln, den Greueln: obgleich für
mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja,
davon, vom Glück der Konzentrationslager, müßte ich ihnen
erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen ...
Hier hätte seine Geschichte beginnen bzw. wieder
beginnen können: die Geschichte eines Jugendlichen, der die Deportation,
der die Lager erlebt, völlig naiv, unvoreingenommen und leidenschaftslos,
ganz Auge. Und: der ohne Sentimentalität, mit sachlicher, unterkühlter
Präzision von den grauenhaftesten Erlebnissen erzählt, und von
absurden, fast perversen Momenten des Glücks ...
Diesen Roman, der von Imre Kertész stammt, in
Fiasko aber von seinem alter ego, dem Alten, geschrieben worden
ist, schreibt in der Fiktion des Alten ein zweites Mal der junge Steinig.
Steinig ist demnach der älter gewordene und gehäutete Erzähler
des Romans eines Schicksallosen, während der Alte ein älter
gewordener, ein anderer Steinig ist. Beide haben sie eine Geschichte,
die sie mit Imre Kertész teilen, aber beide sind weder miteinander
noch mit Kertész identisch. Der jüdische Junge, Steinig, der
Alte alle sind sie Kertész, und sind doch ganz andere, ganz
unterschiedliche Kunstfiguren.
Der Erzähler des Prologs von Fiasko ist
der Chronist des Alten, d.h. seiner Lebensumstände während der
siebziger Jahre. Der Alte, allerdings, ist nicht wirklich alt, er fühlt
sich nur so, weil ihm nichts mehr wiederfahren kann, nichts Neues,
gut oder schlecht. Zusammen mit seiner Frau haust er in einer 28
Quadratmeter großen Wohnung in Buda, seinem Käfig, seinem freiwilligen
Gefängnis. Er hat einen Roman geschrieben, der erst abgelehnt wurde,
dann aber doch erscheinen konnte. Um Geld zu verdienen, übersetzt
er und schreibt Lustspiele. Und er denkt, ideenlos vor seinem Sekretär
stehend, einen Stein in der Hand bewegend, über einen neuen Roman
nach.
Er wird dabei vom Dauerlärm gestört, der
von der Straße der Lügen zu ihm heraufdringt, und
von einer Nachbarin, einem weiblichen Kyklopen, der sich von Lärm
ernährt. So steht er also, die Ohren mit Ohropax verstopft,
vor seinem Sekretär und liest seine steinbruchartigen Aufzeichnungen
wieder, seine langjährige, quälende Galeerenarbeit der
Selbstdokumentation: Skizzen und Fragmente aus der Zeit, als die
Idee zu seinem Roman reifte; Aufzeichnungen über das Lederarmband,
das, während er an ihm roch, unwillkürliche Erinnerungen ans
KZ in ihm aufsteigen ließ; Erzählversuche über die Erfahrungen
des 15jährigen im Konzentrationslager; Reflexionen über die
Frage, wie ein Text über Auschwitz zu schreiben wäre, der nicht
moralisiert; das Psychogramm einer Mörderin; den Brief mit dem ablehnenden
Verlagsentscheid; Notizen über den Versuch, seinen eigenen Roman,
mit fremden Augen, mit den Augen eines anderen, wiederzulesen ...
Zufällig stößt er in seinen Notizen
auf einen vergilbten Zettel. Steinig, liest er da, hatte
seinen Antrag auf einen Reisepaß zweimal eingereicht, und er wurde
dreimal abgewiesen; offenbar war ein administrativer Fehler passiert,
Steinig sah jedoch einen symbolischen Sinn in diesem Vorkommnis und beschloß
damit endgültig, nun auf jeden Fall zu reisen.
Diese Skizze wird zur Keimzelle eines Romans, der von
den Erfahrungen erzählt, die der Niederschrift des Auschwitz-Romans
vorausgehen. Und erneut sind es Kreise, und Wiederholungen: Steinig, der
Autor eines abgelehnten Auschwitz-Buches, verläßt seine Heimatstadt
Budapest, um in einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen. Er will
u.a. seinen Freund Felsen besuchen. Nach einem siebzehnstündigen
Flug landet er, in undurchdringlicher Finsternis, auf dem unbekannten,
namenlosen Flughafen einer großen Stadt.
Diese Stadt kommt ihm jedoch merkwürdig vertraut
vor. Es ist sonderbar, ja gespenstisch: sie trägt Züge von Budapest.
Es scheint, als sei das Flugzeug siebzehn Stunden lang im Kreis geflogen
oder habe eine Zeitreise unternommen, um doch wieder nur in Budapest zu
landen einem anderen Budapest allerdings, dem Budapest der Kriegs-
und Nachkriegszeit. Häuser und Straßen sind zerstört,
auf Lastwagen werden Menschen abtransportiert, bewacht von bewaffneten
Männern in Uniform. Steinig ist in einen Alp-Traum geraten. Er weiß
nicht, wo er ist und in welcher Zeit er sich befindet. 1944, 1945, 1948,
1951?
Er ist, wie er bald feststellt, in einem totalitären
System gelandet, in dem eine unsichtbare, mysteriöse Macht mit unverständlichen
und willkürlichen Gesetzen regiert, ein System, das allen den Prozeß
macht, die ihren Glauben an Individualität und Freiheit noch nicht
verloren haben. Observationen, Denunziationen, Verschleppungen sind an
der Tagesordnung. Steinig ist in einem System gelandet, so undurchschaubar
wie die Welt in Kafkas Prozeß und so erbarmungslos wie das
stalinistische Ungarn der Nachkriegszeit.
Nicht psychologisch-prozeßhaft, sondern sprunghaft,
wie im Zeitraffer, erzählt der Alte nun Steinigs Zustandsveränderungen
während der folgenden Jahre: Schon am ersten Morgen nach seiner Ankunft,
kaum aufgewacht, wird ihm ein Brief zugestellt. Er enthält seine
Kündigung. Steinig verliert seinen Posten bei einer Zeitung. Er muß
auf höheren Befehl, obwohl ungeeignet, als Schlosser in einer Fabrik
arbeiten. Kaum hat er sich mit einer Arbeiterin angefreundet, bekommt
er eine Stelle in der Presseabteilung des Produktionsministeriums. Dort
soll er sinnlose Artikel schreiben, die niemand braucht und die keiner
will. Unter demütigenden Umständen verliert er bald auch diese
Arbeit. Steinig wird ein nutzloser, entbehrlicher Mensch ein Ersatzmensch,
ein Fremder. Er macht sich schuldig, weil er die Mechanismen der Macht
nicht begreift, weil er sich seinem Schicksal nicht widerstandslos ergeben
will.
In der Südsee, einer Kneipe, in der
allabendlich ehemalige Künstler und Journalisten stranden, findet
er Freunde, Felsen zum Beispiel, der ihn überredet, Lustspiele zu
schreiben. Und er lernt Berg kennen, einen sonderbaren Gast, der an einem
Manuskript über die Gnade arbeitet. Bergs Text, der den Titel Ich,
der Henker trägt, ist der Prolog zu einem großen Essay,
der zu erklären versucht, wie jemand zum Henker von 30.000 Menschen
werden konnte.
Dieser unfertige Text provoziert Steinig
zu einer Antwort. Er schreibt Berg einen Brief. Er berichtet ihm darin
von einer Erfahrung, die er während seiner Militärdienstzeit
gemacht hat: Er, der im Krieg verschleppt worden war, um umgebracht zu
werden, wurde ausgerechnet als Wärter in einem Gefängnis eingesetzt.
Dort stand er, gezwungenermaßen, auf der anderen Seite. Ein unbedachter
Moment und er schlug auf einen wehrlosen Gefangenen ein. So schnell,
wird ihm schockhaft klar, wurde er vom Opfer zum Täter, so schnell,
so unwillkürlich war die Möglichkeit, war der Weg eröffnet,
an dessen Ende 30.000 Tote hätten stehen können.
Dieser nicht abgeschickte Brief wird zur Keimzelle
seines Romans. Jahre später, während des Aufstands, weigert
er sich, zusammen mit Felsen ins Ausland zu gehen. Ihm ist bewußt
geworden, daß er keine Wahl hat: er muß seinen Roman schreiben,
in seinem Land und in seiner Sprache. Zehn Jahre lang wird er an diesem
Roman arbeiten. Der Roman wird abgelehnt werden, kann dann doch erscheinen,
um jahrelang totgeschwiegen zu werden.
Steinig, der Alte oder Imre Kertész sie
werden 1973 in ihrem Tagebuch notieren: Denke ich an einen neuen
Roman, denke ich wieder nur an Auschwitz. Ganz gleich, woran ich denke,
immer denke ich an Auschwitz ... Jahre später wird der Alte
einen Roman namens Fiasko schreiben ... es wird ein beklemmendes
Meisterwerk werden. Uns, die ergriffenen Leser, wird es zu wiederholter
Lektüre zwingen. Und es wird uns wie Sisyphos gehen, den wir uns
bekanntlich als glücklichen Menschen vorstellen sollen.