Personenkennkarte und Körpersaftleiter
Klaus Ferentschiks oulipotischer Doppelroman Schwelle
und Schwall
Von Norbert Wehr
Strukturen, Methoden und Techniken, das heißt: Spielregeln
und Formzwänge zu entwickeln, die ein Dichter nutzen kann, wenn er sich
von der sogenannten Inspiration lösen will - das war und ist erklärtes
Ziel der Gruppe „OuLiPo“, einer „Werkstatt für potentielle Literatur“,
die 1960 von Mitgliedern des „Collège de ‘Pataphysique“ gegründet wurde.
Hunderttausend Milliarden Gedichte,
Raymond Queneaus überwältigende Gedicht-Maschine, vor allem aber La
Disparition, Georges Perecs E-loser
Roman, sind die eindrucksvollsten Sprachkunstwerke, die die oulipotische
Ästhetik seitdem hervorgebracht hat.
Die komplizierteste und kurioseste Gattung, der Lipogramm-Roman
- ein Roman also, der konsequent auf einen oder mehrere Buchstaben verzichtet
- ist allerdings keine originär oulipotische und auch keine Perec’sche
Erfindung: er hat eine lange, bis in die Antike, bis zu Lasos und Pindar
zurückreichende Tradition.
Im deutschen Barock erlebte er schließlich seine Blütezeit:
Georg Philipp Harsdörffers Frauen-Zimmer
Gesprächsspiele enthalten zum Beispiel Erzählungen ohne die Buchstaben
M und L,
und von Christian Weise sind Die drei
ärgsten Erznarren der ganzen Welt überliefert, ein Roman, in dem
er für einen Liebhaber, der das R
nicht aussprechen kann, eine gänzlich R-lose
Rede schrieb.
Diese R-losen
Texte, sie waren besonders beliebt, und zwar erstaunlicherweise bei Theologen
und Kanzelrednern. So enthält etwa Erdmann Uhses Wohlinformierter
Redner eine R-lose Begräbnis-Rede,
die in der Absicht verfaßt war, den ‚schnarrenden‘ Ton zu verhindern,
den viele Prediger bei dieser traurigen Gelegenheit unpassenderweise anstimmten.
1813 dann ein vorläufiger Höhepunkt des Genres: Franz
Rittlers Die Zwillinge, ein Roman,
der bereits im Untertitel erklärt, was er beabsichtigt: Versuch
- heißt es da - aus 60 aufgegebenen Worten
einen Roman ohne R zu schreiben, als Beweis der Reichhaltigkeit und Biegsamkeit
der deutschen Sprache. Den Plan, einen Zwilling ohne E
zu schreiben, konnte Rittler aber nicht verwirklichen. Ihn schrieb 150
Jahre später der Franzose Georges Perec.
Daß Rittlers und Perecs Handicap noch erschwert werden
kann, stellte Eugen Helmlé, der kürzlich verstorbene deutsche Übersetzer
von La Disparition, 1993 mit seinem
Roman Im Nachtzug nach Lyon unter
Beweis. Rittler und Perec weiterschreibend, verzichtete er konsequent
auf das R und auf das E,
den häufigsten Konsonanten und den häufigsten Vokal - ein raffiniertes
Sprach-Kunststück, was so entstand, ein „Dopp‘l-Lipoglamm“, wie man in
China dazu sagen würde!
Auf diese lange Tradition des manieristischen Sprachspiels,
auf Rittlers, Perecs und Helmlés Bücher kurz hinzuweisen, ist nötig, wenn
man über Klaus Ferentschiks Schwelle und
Schwall sprechen will, einen Roman, der im strengen Sinne kein
Lipogramm ist, jedoch einem ähnlichen, das Erzählen stark einschränkenden
Formzwang gehorcht: er besteht nämlich aus zwei Teilen, dessen erster
ausschließlich mit femininen, und dessen zweiter ausschließlich mit maskulinen
Substantiven erzählt wird.
In jedem Teil sind also jeweils ungefähr die Hälfte
aller Substantive nicht erlaubt: In Schwelle
muß zum Beispiel aus einem männlichen „Personalausweis“ eine weibliche
„Personenkennkarte“ werden, aus dem „Aussehen“ die „körperliche Äußerlichkeit“,
aus dem „Mund“ die „Sprechmuskulatur“, aus dem „Dank“ die „Bedankung“
undsoweiter ... Und im männlichen Schwall
wird aus einem „Pferd“ naturgemäß ein „Schimmel“, aus der „Nase“ ein „Zinken“,
aus „Blut“ wird „roter Saft“, und aus der „Ader“ ein „Körpersaftleiter“.
Die Geschichten, turbulente Krimi-Handlungen mit vielen
Anspielungen auf ‘pataphysische und oulipotische Literatur, sind schwer
nacherzählbar und sollen hier nur angedeutet werden: Im ersten Teil, Schwelle,
gibt es eine namenlose Sie, die Zigaretten raucht, Bloody Marys trinkt
und vorzugsweise Bohnen ißt. Diese Sie antwortet auf eine Annonce, bekommt
daraufhin eine siebenstellige Telephonnummer zugeschickt - was zu komplizierten
Verwicklungen führt: Polizei taucht bei ihr auf, sie wird festgenommen,
dann wieder freigelassen, anschließend sucht sie die Annoncenabteilung
auf, deren Leiterin, eine Lesbe, ihr Avancen macht ... Im zweiten Teil,
Schwall, sind alle Protagonisten
selbstverständlich männlichen Geschlechts: Ärzte, Polizisten, Spitzel,
Terroristen, Mörder, Kneipen-Wirte, Spanner und Voyeure; es gibt Anschläge
und Tote, und schließlich einen Roman im Roman, der die Verwirrung komplett
macht ...
Viel interessanter als diese Plots sind natürlich die
doppelbödigen Effekte, die durch Ferentschiks eingeschränktes Erzählen
entstehen: es sind seltsame Verfremdungen, die Lese-Wahrnehmung irritierende
Moiré-Effekte; und ob feminine oder maskuline Substantive - es entstehen
fast zwangsläufig, wie in einer Art Eigenbewegung der Sprache, völlig
unterschiedliche Erzähl-Welten.
Man könnte eine solche Versuchsanordnung als bloße Spielerei
abtun, wenn sie nicht besonders schön eine wesentliche sprachphilosophische
Einsicht demonstrieren würde - Ludwig Wittgensteins Satz nämlich, nach
dem die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt sind.
So ist es nicht das geringste Verdienst von Ferentschiks
kleinem Roman, diese Erkenntnis
in Erzählung umgesetzt zu haben
und nebenbei zu demonstrieren, wie differenziert, wie „biegsam“ trotz
größter Einschränkungen erzählt werden kann. Man darf daher gespannt sein
auf den dritten Teil, einen Roman ausschließlich mit sächlichen Substantiven.