Action Writing
Charles Olsons Maya-Briefe
Von Norbert Wehr
Interesse an Geschichte, Liebe zur Natur
und einen unruhigen Geist das waren Eigenschaften, die Charles
Olson von seinem Vater geerbt hatte. Außerdem verdankte er ihm,
dem Postbeamten, den Respekt vor Briefen. In wunderbaren, der zärtlichen
Erinnerung gewidmeten Erzählungen setzte er dem Berufs-Ethos des
Vaters ein Denkmal. Mein Vater, erinnerte er sich, hatte
die Vorstellung, ein Brief sei irgendwie wichtig, nur weil er aus Worten
bestand (er hatte die Auffassung, Worte hätten einen Wert, als Zeichen,
die etwas bedeuten und Gefühle vermitteln) und weil er eine Kommunikation
zwischen Personen herstellte.
Mitte der vierziger Jahre hatte Olson diese Erzählungen
geschrieben, gleichzeitig mit Call me Ishmael, seiner Studie über
den projektiven Raum im Werk Herman Melvilles. Als er später
1950/51, bevor er Rektor am Black Mountain College wurde ein halbes
Jahr im mexikanischen Lerma/Campeche lebte, schrieb er Robert Creeley,
einem jungen, ihm persönlich noch unbekannten Dichter, zahlreiche
Briefe, die den Dialog fortsetzten, den beide seit Olsons Arbeit am Essay
über den Projektiven Vers begonnen hatten.
Diese Briefe, die sogenannten Mayan-Letters,
adressiert an den geistesverwandten, ihn herausfordernden Dichter, bilden
das poetologische Unterfutter zu den ebenfalls in Briefform verfaßten
Gedichten des Maximus-Zyklus, dessen Keimzelle seinerseits aus
einem Brief bestand, den Olson 1950 seinem Freund Vincent Ferrini geschrieben
hatte.
Olson war ein obsessiver Briefeschreiber. Briefe waren
das ideale Medium für seinen künstlerischen Selbstentwurf. In
ihnen konnte er seinem assoziativen, nervösen und vibrierenden Denkgestus,
dem spontanen, beweglichen und sprunghaften Duktus seiner Sprechstimme
am unmittelbarsten Ausdruck verleihen.
Ein unorthodoxer Kenner von Geologie und Geographie,
Mythos und Geschichte, von Astronomie und Anthropologie war, hielt Olson
sich in Lerma auf, um bei den alten Mayas und ihren Nachfahren die Spuren
der amerikanischen Vorgeschichte zu studieren. Als Jäger zwischen
den Steinen nahm er in den Zeugnissen ihrer Architektur, ihrer Sprache,
ihrer Keramik-, Webe- und Korbflechtkunst, ihrer Ackerbaumethoden und
Bestattungs-Riten eine unstete, unruhige, nervöse, empfindliche
Mentalität wahr: die Mentalität einer Menschenbrut
mit weit aufgerissenen Augen, und fahrig, wie ein Vogel oder Tier.
Eine ganz andere, den Zeitgenossen verlorengegangene Wahrnehmung von Raum
und Zeit, eine größere Unmittelbarkeit im Verhältnis zur
Natur und den Dingen, glaubte er ihren steingewordenen Spuren ablesen
zu können.
Ihn, den Dichter, faszinierten insbesondere ihre Hieroglyphen
eine Schriftsprache, die, aufgeladen von der Energie der bezeichneten
Gegenstände, den selben Gesetzen (gehorcht) wie das Entstehen,
das Bestehen von Poesie es tut. Die Mayas waren, wie er glaubte,
scharf auf die Welt (...), in der sie lebten & scharf darauf,
das festzuhalten mit Hilfe einer Sprache, die bis zu den Kiemen der ERSTEN
GLYPHE von jener Art Vorstellungskraft wimmelt, die die Witzgestalten
auf ihre unnachahmliche Weise kreativ zu nennen pflegen.
Fähigkeiten und Eigenschaften, die Olson für
die zeitgenössische Dichtung fruchtbar zu machen versuchte! Ausgehend
von seinen Beobachtungen und Spekulationen über die untergegangene
Maya-Kultur, erschrieb er sich empfindlich und mit
aufgerissenen Augen, wie die Mayas eine Poetologie,
die gegen eine von logischen und diskursiven Abstraktionen eingeschränkte
Wahrnehmung und für eine Sprache als Akt des Moments
plädierte.
Wie im Rausch sind sie geschrieben, diese Briefe, euphorisch
und schnell und oft kryptisch, aber immer von blitzhellen, sich überschlagenden
Erkenntnissen durchsetzt. Was Olson im Projektiven Vers als Maxime
für das zeitgenössische Gedicht gefordert hatte, gilt gleichermaßen
auch für sie: sie sollten Energiefelder sein, die nach Entladung,
d.h. Kommunikation zwischen Autor und Leser strebten; sie sollten mit
dem Atem und den Ohren geschrieben sein; Bedingung ihrer Authentizität
war schließlich die Fähigkeit, die totale Relevanz der
menschlichen Stimme wiederzugewinnen.
Mit absolutem Gehör für Olsons unverwechselbare
Stimme hat der als Melville- und Joyce-Übersetzer bewährte Friedhelm
Rathjen diese Briefe jetzt ins Deutsche übertragen. Bedauerlich ist
nur, daß man in Deutschland keine Anschauung (mehr) davon hat, wie
sich Olsons Poetologie in seinen Gedichten umsetzte. Die von Klaus Reichert
zusammengestellte und übersetzte Auswahl ist seit langem vergriffen
(ebenso wie die Melville-Studie).
Nachdem nun zwei kleine Verlage die Erzählungen
und Briefe publiziert haben, besteht allerdings Anlaß zu der Hoffnung,
daß auch dieser Band nochmal aufgelegt wird. So würde, neben
Ezra Pound und William Carlos Williams, ein weiterer Wegbereiter der amerikanischen
Dichtung dieses Jahrhunderts wieder zugänglich werden.